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Michaela Pelican
Ph.D Candidate (Former Staff)

Michaela Pelican

Dissertation Thesis

Facts

Dissertation Thesis by Michaela Pelican submitted at the Philosophische Fakultät I, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Date of defense
12.2.2006

Supervisors
Prof. Dr. Günther Schlee
Prof. Dr. Burkhard Schnepel

Link to the Online Publication of the thesis.

German summary - Deutsche Zusammenfassung

Im Zentrum meiner Studie steht die Frage nach den Faktoren, die ein Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen in einem kulturell und ethnisch heterogenen Umfeld positiv oder negativ beeinflussen. Dieser Fragestellung gehe ich im Kontext einer Kleinstadt in Nordwestkamerun (auch bekannt als das Kameruner Grasland) nach, in der ich zwischen August 2000 und Januar 2002 vierzehn Monate Feldforschung durchgeführt habe.

In meiner Arbeit befasse ich mich mit drei Bevölkerungsgruppen (Grasländer, Hausa und Mbororo) und untersuche ihre Identitätskonstrukte und Interaktionsmuster. Weiterhin beschäftige ich mich mit der Rolle des kamerunischen Staates, einschließlich der kolonialen Administration, in der Gestaltung interethnischer Beziehungen. Während ich in der Analyse ethnischer Identitäten nahezu 100 Jahre gemeinsamer Präsenz der erwähnten Gruppen im Kameruner Grasland berücksichtige, konzentriere ich mich in der Untersuchung lokaler Konfliktstrategien auf die 1990er Jahre und die Jahrtausendwende, die von den Auswirkungen der politischen und ökonomischen Liberalisierung Kameruns geprägt waren.

Ich habe meine Studie Getting along in the Grassfields betitelt, was mit „Zurechtkommen im Kameruner Grasland“ übersetzt werden kann. Dieser Titel verweist auf zwei wichtige Dimensionen des ethnischen Zusammenlebens, nämlich das eigene Überleben zu sichern und sich in das lokale politische und soziale Gefüge einzugliedern, d.h. mit Nachbargruppen und staatlichen Strukturen zurechtzukommen. Divergierende Interessen und gelegentliche, kleinere Konflikte sind ebenfalls Teil interethnischer Beziehungen und werden von der lokalen Bevölkerung als relativ normal wahrgenommen. Im Kontext der politischen Veränderungen der 1990er Jahre kam es jedoch zu schwerwiegenderen Auseinandersetzungen, die das Zusammenleben von Grasländern, Mbororo und Hausa infrage stellten. In meiner Studie fokussiere ich solche kritischen Momente, untersuche aber auch Mechanismen, die zu ihrer sozialen Integration beitragen.

Zentrale Themen meiner Forschung sind:

  • die Rolle von Ethnizität im lokalen Selbstverständnis sowie in der Wahrnehmung lokaler Konflikte
  • das Wechselspiel zwischen rivalisierenden Gruppeninteressen, staatlicher Vermittlung und Strukturen politischer Repräsentation
  • die Bedeutung sozio-ökonomischer Überlappungsbeziehungen (cross-cutting ties) flur das ethnische Zusammenleben
  • lokale Konfliktlösungsstrategien im Rahmen pluralistischer Rechtssysteme und globaler Minderheiten- und Menschenrechtsdiskurse
  • die gegenwärtige Relevanz „okkulter Ökonomien“ (Comaroff & Comaroff 1999a) im intra- und interethnischen Alltag.

Der analytische Rahmen meiner Studie setzt sich aus Theorien zu Ethnizität, und Integration und Konflikt zusammen. In Anlehnung an Frederik Barth (1998 [19691) verstehe ich Ethnizität als eine sozial konstruierte, kollektive Identität, die historisch und politisch eingebettet ist und sich insbesondere an Gruppengrenzen artikuliert. In meiner Arbeit verfolge ich daher eine historische Herangehensweise und untersuche Veränderungen im ethnischen Selbstverständnis der Grasländer, Mbororo und Hausa in Zusammenhang mit Migration und Sesshaftwerdung sowie dem Zusammentreffen mit anderen Gruppen und der Kolonialregierung. In diesem Kontext beschäftige ich mich auch kritisch mit der Frage, inwieweit ethnische Identitäten als Produkte der Kolonialzeit zu verstehen sind, beziehungsweise welche Rolle koloniale Klassifikationen im heutigen Alltag spielen.

In Bezug auf Theorien zu Integration und Konflikt nutze ich die Ansätze von Günther Schlee zu „Integration durch Differenz“ (20001a) und zu Überlappungsbeziehungen (1997, 2000, 2004) sowie die Konfliktmodelle von Georg Elwert (2001, 2002b, 2004, 2005) und der Manchester school. Schlee (2001a, 2003a, 2003c) weist darauf hin, dass Integration weder mit Gleichheit, noch Konflikt mit Differenz gleichzusetzen sind. Differenz kann ebenso ein Modus der Integration sein, wie Beispiele wirtschaftlicher Komplementarität belegen. Zugleich zeigt Schlee (1997, 2000, 2004) anhand verschiedener Fallstudien, dass auch cross-cutting ties keine Garantie für soziale Kohäsion sind, wie es von Gluckman (1973 [1966]) postuliert wurde. Diese beiden Ansätze sind insbesondere relevant für meine Untersuchung sozialer und ökonomischer Beziehungen zwischen Mitgliedern verschiedener Bevölkerungsgruppen. In meiner Analyse lokaler Konfliktstrategien stütze ich mich auf Elwerts (2001, 2002b, 2004, 2005) Modell, das Konflikte in einem analytischen Feld von vier Polen unterschiedlicher Handlungsmodi verortet. Die vier Konfliktaustragungsformen sind Krieg, Zerstörung, Meidung und Verfahren, die sich durch mehr oder weniger Gewalt und stärkere oder schwächere soziale Einbettung unterscheiden. Weitere relevante Ansätze sind die von Victor Turner (1967, 1995 [1957]) entwickelten Konzepte des sozialen Dramas (social drama), das auf die Prozesshaftigkeit von Konflikten verweist, sowie der Multivokalität von Symbolen. Einige Ergebnisse meiner Auseinandersetzung mit diesen Theorien sind weiter unten ausgeführt.

In methodischer Hinsicht unterscheidet sich meine Studie von vielen früheren Arbeiten zu Ethnizitat dahingehend, dass sie sich nicht nur auf eine Gruppe konzentriert, sondern drei ethnische Gruppen m gleichem Umfang berücksichtigt. In diesem Zusammenhang habe ich mich an den Studien von Philip Burnham (1996) zu Nordkamerun und von Thomas Hylland Eriksen (1998) zu Mauritius orientiert, die mich auch inhaltlich zu Vergleichen anregten.

In Bezug auf meine Feldforschung ist anzumerken, dass ich ein Team von fünf MitarbeiterInnen unterschiedlicher ethnischer Herkunft in meine Untersuchungen integrierte, deren individuelle Starken und Zugange zu lokalen Gruppen die Fragestellungen sowie die Forschungsergebnisse wesentlich beeinflussten. Neben qualitativen und quantitativen Methoden haben wir Ansätze aus der visuellen und Theaterethnologie angewandt, die zusätzliche Daten hervorbrachten und das lokale Verständnis für meine Forschung förderten.

Während sich meine Studie in das Feld der Ethnizitäts- und Konfliktforschung einordnet, tragt sie auch zur Grasland-, FulBe- und Hausa-Forschung bei. In die Graslandforschung bringe ich neue thematische und regionale Perspektiven ein, da sich die Kleinstadt Misaje sowohl als koloniales Produkt als auch durch ihren multiethnischen und kosmopolitischen Charakter von „traditionellen“ Graslanddörfern abhebt. Mein Beitrag zur FulBe-Forschung bezieht sich auf meine Untersuchungen zu den Mbororo, die zur ethnischen Kategorie der FulBe gehören. So belegt das Beispiel der Mbororo im Kameruner Grasland, dass es keine allgemein anwendbaren Kriterien zur Bestimmung des „FulBetums“ gibt und es daher – wie bereits von Diallo, Guichard und Schlee (2000) hervorgehoben – unumgänglich ist, FulBe-Gruppen in ihren regionalen Kontexten und in Beziehung zu ihren Nachbargruppen zu untersuchen. Mein Beitrag zur Hausa-Forschung zeichnet sich durch eine Gender-Perspektive aus, zumal ich die bestehende Literatur mit der Perspektive von Hausa-Frauen auf ihre Gemeinschaft und Geschichte im Karneruner Grasland ergänze.

 
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