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Bürokratisierung des Islam in Südostasien

Guter Glaube, schlechter Glaube – die klassifikatorische Macht des Staates

Tagung am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung zur Bürokratisierung des Islam in Südostasien

1. September 2017

Am 7. und 8. September 2017 findet am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung eine Tagung mit dem Titel Conceptualizing the Bureaucratization of Islam and its Socio-Legal Dimensions in Southeast Asia: Anthropological and Transdisciplinary Perspectives statt. Internationale Experten und Doktoranden beschäftigen sich dabei mit der Rolle staatlicher Akteure bei der gegenwärtigen politischen und rechtlichen Islamisierung in Brunei, Indonesien, Malaysia, Singapur und den Philippinen. Organisiert wird die Tagung von der Nachwuchsgruppe um Dominik Müller, die im Rahmen des Emmy-Noether-Programms von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird.

Kontrolle durch Bürokratisierung
Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts haben sich islamische Bewegungen zu machtvollen politischen Akteuren entwickelt. Die von ihnen ausgehenden revolutionären Umstürze und sozialen Transformationsprozesse haben bis in die Gegenwart immense Machtverschiebungen zur Folge. Deshalb versuchen insbesondere südostasiatische Nationalstaaten, das politische Geschehen zu kontrollieren, indem sie erhebliche Ressourcen mobilisieren, um islamische Regeln und Praktiken in bürokratische Normen umzudefinieren. "Staaten erlassen beispielsweise ein islamisches Bankenrecht, Strafrecht oder Familienrecht", sagt Dr. Dominik Müller, Leiter der Emmy-Noether-Forschergruppe am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung. "Damit versuchen sie, Forderungen oppositioneller Bewegungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, den islamischen Diskurs im öffentlichen Raum zu regulieren und letztlich zu kontrollieren."

Staaten werden zu Akteuren der Islamisierung
Es ist also keineswegs so, dass die Welle der politischen und gesellschaftlichen Islamisierung, die Südostasien gegenwärtig erfasst, ausschließlich von oppositionellen, religiös motivierten Bewegungen ausgeht. "In Brunei gibt es seit Mitte der 1980er Jahre etwa die offizielle staatsislamische Lehre MIB, die systematisch von oben nach unten durchgesetzt wird. Auf diese Weise zementiert der Staat seine Definitionsmacht im politischen und religiösen Feld, schafft neue Traditionen und neue Formen des gesellschaftlichen Lebens", sagt Müller. Auch in Malaysia legt der Staat fest, was als korrekte islamische Lehre gelten kann und was als deviante Lehrmeinung zu verurteilen ist. Müller: "Die islamische Bürokratie hat ein ausgefeiltes Regelwerk entwickelt und beispielsweise im Bundesstaat Selangor 70 deviante Lehren identifiziert, deren Verbreitung strafrechtlich verfolgt wird."

Transformation sozialer Praktiken in staatliche Normen
Die vielfältigen Eingriffe des Staates in das soziale Leben schaffen eine komplexe Gemengelage, in der nicht immer klar ist, wer welche Interessen und Ziele verfolgt. "Die bisherige sozialwissenschaftliche Forschung hat sich selten mit Islamisierungstendenzen innerhalb eines Staates befasst", sagt Müller. „Staaten sind aber sehr facettenreiche Akteure, die nicht nur auf die Herausforderungen durch die oppositionellen islamistischen Bewegungen reagieren." Wie die Bürokratisierungsprozesse und damit die staatlichen Versuche, die politische und gesellschaftliche Islamisierung zu beeinflussen, weiter verlaufen werden, ist eine offene empirische Frage, mit der sich die Doktorandinnen und Doktoranden innerhalb der Emmy-Noether-Gruppe intensiv beschäftigen werden. Müller: "In der Arbeitsgruppe haben wir uns in den vergangenen Monaten einen umfassenden konzeptionellen Rahmen erarbeitet und versuchen damit, an die Erkenntnisse der einschlägigen ethnologischen Forschung zur Bürokratisierung anzuknüpfen."

Ethnologische Beobachtung vor Ort als Basis für Erklärungen
In erster Linie wichtig ist für Müller und seine Doktoranden aber die jetzt bevorstehende Feldarbeit vor Ort. Denn im Augenblick kann niemand die vielfältigen lokalspezifischen Erscheinungsformen der Bürokratisierung des Islam überblicken. "Unser Ziel ist nicht primär, singuläre Fall- oder Länderstudien zu erstellen", sagt Müller. "Viel interessanter ist es, das soziale Phänomen der Bürokratisierung in Südostasien im Rahmen von theoretischen ethnologischen Konzepten zu erklären. Und dies gerade weil die Entstehung neuer kultureller Formen, die sich durch die religiöse Bürokratisierung entwickeln und tief in den Alltag der Menschen hineinreichen, nicht einfach ein Produkt staatlicher Macht ist." Das heißt, dass die politische Islamisierung in Südostasien weder als reine Oppositionsbewegung noch als machtpolitisches Kalkül zu verstehen ist. Müller: "Wir müssen beide Seiten im Auge behalten. Deshalb wollen wir über einfache monokausale oder funktionale Erklärungen der Islamisierung hinauskommen und mit einem hermeneutischen Blick auf die Dynamiken der Bedeutungsproduktion schauen und die damit verbundenen Handlungsspielräume der Akteure erforschen."

Internationale Experten beraten Doktoranden
Zum Auftakt der Tagung werden die Doktoranden, die alle erst kürzlich von einem einmonatigen Orientierungsaufenthalt aus dem Feld zurückgekehrt sind, ihre Forschungsprojekte vorstellen und anschließend mit den internationalen Experten diskutieren. Müller: "Das Besondere an unserer Tagung ist, dass die Doktorandinnen und Doktoranden nach den gemeinsamen Diskussionen mit allen Teilnehmern zusätzlich die Gelegenheit haben, mit jeweils sechs eingeladenen Experten im Vieraugengespräch über ihr Projekt zu reden. Diese intensive Betreuung wird dazu beitragen, dass die Doktoranden sehr gut vorbereitet in die Ende des Jahres beginnende 11-monatige Feldphase gehen können."

Erforschung des globalen sozialen Wandels
Das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung ist eines der in Europa führenden Forschungszentren auf dem Gebiet der Ethnologie (Sozialanthropologie). Es hat seine Arbeit 1999 mit den Gründungsdirektoren Prof. Dr. Chris Hann und Prof. Dr. Günther Schlee aufgenommen und 2001 seinen ständigen Sitz im Advokatenweg 36 bezogen. Mit der Ernennung der dritten Direktorin Prof. Dr. Marie-Claire Foblets im Jahre 2012 wurde das Institut um eine Abteilung zum Themenfeld ‚Recht & Ethnologie‘ erweitert. Forschungsleitend ist die vergleichende Untersuchung gegenwärtiger sozialer Wandlungsprozesse. Besonders auf diesem Gebiet leisten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Institutes einen wichtigen Beitrag zur ethnologischen Theoriebildung, befassen sich darüber hinaus in ihren Projekten oft auch mit Fragestellungen und Themen, die im Mittelpunkt aktueller politischer Debatten stehen. Am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung arbeiten gegenwärtig 175 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus über 30 Nationen. Darüber hinaus bietet das Institut zahlreichen Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern Platz und Gelegenheit zum wissenschaftlichen Austausch.

Mehr Informationen zur Tagung.

Mehr Informationen zum Emmy-Noether-Programm der DFG finden Sie hier.

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Dr. Dominik Müller
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Abteilung 'Recht & Ethnologie'
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
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Mail: muellerdo@eth.mpg.de
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