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Die Funktion von Strafe im Kontext von Vergeltung und Vermittlung

Die Funktion von Strafe im Kontext von Vergeltung und Vermittlung

Tagung am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung zur Möglichkeit sozialer Ordnung

6. Februar 2018

Vom 14.–16. Februar 2018 findet am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle eine Konferenz mit dem Titel „Punishment – Negotiating Society“ statt. 30 internationale Ethnologen und Juristen beschäftigen sich dabei unter anderem mit der Rolle, die strafrechtliche Normen bei der Organisation und Legitimation sozialer Ordnung spielen. Das Thema der Konferenz ist Teil des Forschungsprogramms der „International Max Planck Research School on Retaliation, Mediation and Punishment“ (REMEP), in dessen Rahmen auch Formen von Vergeltung und Vermittlung als Prinzipien der Wiederherstellung und des Erhalts sozialer Ordnung erforscht werden. Die Tagungssprache ist Englisch.

Vielfalt der Konfliktregulierungen
Die Tagung wird von Prof. Dr. Günther Schlee, dem Sprecher von REMEP, und Dr. Timm Sureau, dem REMEP-Koordinator, organisiert. „Das Strafrecht ist ein zentrales Regelsystem, mit dem Staaten ihre Autorität durchsetzen und die gesellschaftlichen Verhältnisse stark beeinflussen“, sagt Günther Schlee. „Dabei unterliegt es zum einen einem permanenten historischen Wandel, zum anderen unterscheiden sich die Strafnormen in unterschiedlichen Staaten ganz erheblich. Die Analyse des Diskurses über Zweck, Legitimität und das richtige Maß von Strafe ermöglicht deshalb einen differenzierten Einblick in die normativen Ordnungen eines Gemeinwesens.“ Der Forschungsverbund REMEP besteht seit 2008 und ist als interdisziplinäres Projekt angelegt, in dem Rechtswissenschaftler und Anthropologen gemeinsam arbeiten. Der Vorteil dieser interdisziplinären Forschung ist, dass etwa soziale Konflikte und unterschiedliche Sanktionen gegen Normverstöße sowohl aus staatlicher und rechtlicher als auch aus gesellschaftlicher Perspektive betrachtet werden können.

Keine Entschädigung des Opfers im modernen Strafrecht
„Das Prinzip der Strafe setzt immer eine übergeordnete Autorität voraus, die in irgendeiner Form dazu legitimiert ist, um in Konflikte einzugreifen“, sagt Günther Schlee. „Als Ethnologen interessieren wir uns aber auch für Konfliktregelungen und Ordnungsprinzipien auf sozialer und staatsferner Ebene, beispielsweise für Formen der Vergeltung oder Mediation.“ Insbesondere Rache und Vergeltung werden häufig als archaische und vormoderne Formen der Konfliktregelung angesehen. Aus ethnologischer Sicht ist das aber zu einfach gedacht. Schlee: „Es gibt überall auf der Welt viele sehr differenzierte Formen der Vergeltung, die gerade darauf angelegt sind, fortlaufende Rache-Kaskaden zu verhindern. Etwa dadurch, dass das Opfer eine angemessene Entschädigung erhält.“ Schlee ist der Meinung, dass wir gerade von solchen Formen des Täter-Opfer-Ausgleichs viel lernen können, denn: „In den heutigen Strafrechtssystemen ist die Entschädigung des Opfers gar nicht vorgesehen. Im Prinzip der staatlichen Strafe sind die Interessen des Opfers kaum oder gar nicht berücksichtigt. Dies wird auch von viele Juristen als erheblicher Mangel angesehen.“

Populistische und neurowissenschaftliche Einflüsse auf das Strafrecht
Bei der Konferenz wird es auch darum gehen, wie gesellschaftliche Diskurse das staatliche Strafrecht beeinflussen können. In einer Fallstudie wird beispielsweise gezeigt, wie rumänischen und bulgarischen Migranten in Großbritannien der Zugang zum Arbeitsmarkt systematisch erschwert wird, sie dadurch an den Rand der Gesellschaft geraten und häufig straffällig werden. „Migration an sich ist selbstverständlich kein Straftatbestand“, sagt Schlee. „Aber durch Exklusion werden unter bestimmten Umständen ganze Gruppen in die Illegalität gedrängt. Dieses Phänomen kann als Reaktion des Staates auf die populistische Forderung nach einem harten Umgang mit Migranten gedeutet werden.“ Neben dieser Form des Strafrechts-Populismus (penal populism) wird auf der Konferenz auch die Rolle der Neurowissenschaften im Strafrecht diskutiert: Insbesondere amerikanische Gerichte vertrauen zunehmend auf neurologische Erkenntnisse bei der Beurteilung schwerer Verbrechen. Für Günther Schlee ist dies eine Entwicklung, die weitreichende Folgen haben könnte: „Wenn sich die Erkenntnis durchsetzen sollte, dass manche Menschen aufgrund von physiologischen Merkmalen, die ihre Willensfreiheit einschränken, zu Tätern werden, dann muss sicherlich auch das Konzept staatlicher Strafe überdacht werden. Denn die Idee der Strafe ist untrennbar mit der Idee der Willensfreiheit verbunden. Wenn der Täter aber nicht frei ist und deshalb gar nicht anders handeln konnte, dann kann man ihn auch nicht für seine Tat bestrafen.“

Erforschung des globalen sozialen Wandels
Das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung ist eines der weltweit führenden Forschungszentren auf dem Gebiet der Ethnologie (Sozialanthropologie). Es hat seine Arbeit 1999 mit den Gründungsdirektoren Prof. Dr. Chris Hann und Prof. Dr. Günther Schlee aufgenommen und 2001 seinen ständigen Sitz im Advokatenweg 36 bezogen. Mit Ernennung der Direktorin Prof. Dr. Marie-Claire Foblets im Jahre 2012 wurde das Institut um eine Abteilung zum Themenfeld ‚Recht & Ethnologie‘ erweitert. Forschungsleitend ist die vergleichende Untersuchung gegenwärtiger sozialer Wandlungsprozesse. Besonders auf diesem Gebiet leisten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Institutes einen wichtigen Beitrag zur ethnologischen Theoriebildung. Sie befassen sich darüber hinaus in ihren Projekten oft auch mit Fragestellungen und Themen, die im Mittelpunkt aktueller politischer Debatten stehen. Am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung arbeiten gegenwärtig 175 Wissenschaftler aus über 30 Nationen. Darüber hinaus bietet das Institut zahlreichen Gastwissenschaftlern Raum und Gelegenheit zum wissenschaftlichen Austausch.

Zum Programm der Tagung

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Prof. Dr. Günther Schlee
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Abteilung ‘Integration und Konflikt’
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
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Mail: schlee@eth.mpg.de
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Stefan Schwendtner
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
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