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Der Einfluss des Finanzkapitalismus auf die soziale Welt

Der Einfluss des Finanzkapitalismus auf die soziale Welt

6. September 2018

Vom 10. bis 12. September findet am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung eine Konferenz mit dem Titel „Financialisation Beyond Crisis: Connections, Contradictions, Contestations“ statt. Dabei werden die Wissenschaftler analysieren, wie der globale Finanzkapitalismus sowohl die internationale Politik und Wirtschaft als auch das Leben individueller Akteure in nahezu allen Bereichen beeinflusst. Die Konferenz wird von Prof. Dr. Chris Hann und Prof. Dr. Don Kalb gemeinsam mit der Forschungsgruppe „Financialisation“ in der Abteilung ‚Resilienz und Transformation in Eurasien‘ am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung organisiert. Die Tagungssprache ist Englisch.

Die Macht der Finanzmärkte gefährdet Lebensgrundlagen
Zehn Jahre nach der großen Finanzkrise 2008 ist die Macht der globalen Finanzwirtschaft ungebrochen. Sowohl große Staatengemeinschaften als auch einzelne Staaten, Banken, Konzerne, Unternehmen und private Haushalte sind in zunehmendem Maße dem Einfluss des internationalen Finanzkapitalismus unterworfen. Dieser Prozess, der seinen Ursprung in den 1970er Jahren hat und durch die Liberalisierung des Finanzsektors durch Reagan und Thatcher in den 1980er Jahren weiter beschleunigt wurde, wird in der wissenschaftlichen Diskussion häufig als „Finanzialisierung“ bezeichnet. Gemeint ist damit, dass sich die Akteure des Finanzsektors wie beispielsweise Banken und Kreditinstitute nicht mehr mit ihrer ursprünglichen Rolle als Dienstleister der Realwirtschaft begnügen, sondern eigene Produkte entwickeln, neue Märkte schaffen und damit Wirtschaft und Politik in bislang unerreichtem Maß beeinflussen. „Aber gegen diesen Einfluss regt sich zunehmend Widerstand“, sagt Prof. Chris Hann, Direktor am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung. „Denn er ist einer der Hauptursachen für zahlreiche internationale Krisen und gefährdet dadurch die Lebensgrundlagen vieler Menschen in ganz erheblichem Umfang.“

Die Umwandlung natürlicher Ressourcen in Finanzprodukte
Die Konferenzteilnehmer werden anhand ethnologischer Feldstudien analysieren, in welch vielfältiger Weise das Leben von Menschen auf der ganzen Welt von der Logik und Dynamik der Finanzialisierung betroffen ist. So hat beispielsweise Dr. Charlotte Bruckermann vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung gezeigt, wie der internationale Handel mit CO2-Zertifikaten dazu führt, dass in China große Waldflächen als CO2-Speicher ausgewiesen und als Finanzprodukt gehandelt werden. Der Erfolg von Forstprojekten wird deshalb nicht mehr an der Erhaltung von Ökosystemen, an der Sicherung von Lebensgrundlagen oder an der Holzproduktion gemessen, sondern an den Profiten, die sie auf internationalen Märkten erzielen. Und diese Gewinne aus dem Geschäft mit den Zertifikaten fließen dann nicht den Primärproduzenten der Wälder, sondern den Finanzhändlern und großen Forstunternehmen zu. „Diese Studie zeigt detailliert, wie heute selbst Naturschutzgebiete in spekulativ finanzierte Produkte umgewandelt und weltweit gehandelt werden. Damit können sie nicht mehr den Interessen der lokalen Bevölkerung dienen“, sagt Hann.

Kredite werden zur Armutsfalle
Eine andere Folge der Finanzialisierung, mit denen sich die Ethnologen beschäftigen, ist beispielsweise die immense Verbreitung von Krediten. Finanziell prekäre Haushalte nutzen Verbraucherkredite immer wieder, um Teile ihres Lebensunterhalts zu bestreiten. Ethnologische Forschungen in Großbritannien verdeutlichen, welch weitreichende Konsequenzen diese von Finanzprodukten abhängige Lebensführung hat: Die überschuldeten Haushalte können häufig ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen und sind deshalb dauerhaft von Pfändungen oder gar dem Verlust ihres Wohnraums bedroht. Und in Kroatien und Griechenland führt der kreditfinanzierte Erwerb von Wohneigentum und die damit einher gehende Verschuldung zu immensen sozialen Problemen, weil viele Familien die Unwägbarkeiten der internationalen Finanzpolitik und die daraus folgenden privaten Risiken völlig unterschätzt haben.

Der Widerstand organisiert sich weltweit
„Bei dieser Konferenz geht es uns nicht nur darum, den unmittelbaren Folgen der Finanzialisierung in allen Lebensbereichen nachzuspüren. Wir interessieren uns auch dafür, ob und wie sich auf zivilgesellschaftlicher Ebene Widerstand gegen diesen weitreichenden Zugriff auf die individuelle Lebenswelt formiert“, erklärt Hann. So zeigen einige ethnologische Studien, die auf der Konferenz vorgestellt werden, wie sich in vielen Städten Europas die Mieter organisieren und ihre Interessen gegen Investmentfonds artikulieren. Dr. Marc Morell von der Universität der Balearen hat beispielsweise darüber geforscht, wie sich die Bevölkerung zunehmend dagegen wehrt, dass internationale Investoren auf den balearischen Inseln in großem Stil Siedlungen mit Ferienwohnungen errichten und dadurch ganze Stadtviertel und ländliche Räume zu Spekulationsobjekten machen. „Auch dort können wir beobachten, dass die Interessen der lokal ansässigen Menschen kaum berücksichtigt werden. Und das lassen sie sich offensichtlich nicht länger gefallen“, sagt Hann.

Erforschung des globalen sozialen Wandels
Das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung ist eines der weltweit führenden Forschungszentren auf dem Gebiet der Ethnologie (Sozialanthropologie). Es hat seine Arbeit 1999 mit den Gründungsdirektoren Prof. Dr. Chris Hann und Prof. Dr. Günther Schlee aufgenommen und 2001 seinen ständigen Sitz im Advokatenweg 36 bezogen. Mit Ernennung der Direktorin Prof. Dr. Marie-Claire Foblets im Jahre 2012 wurde das Institut um eine Abteilung zum Themenfeld ‚Recht & Ethnologie‘ erweitert. Forschungsleitend ist die vergleichende Untersuchung gegenwärtiger sozialer Wandlungsprozesse. Besonders auf diesem Gebiet leisten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Institutes einen wichtigen Beitrag zur ethnologischen Theoriebildung. Sie befassen sich darüber hinaus in ihren Projekten oft auch mit Fragestellungen und Themen, die im Mittelpunkt aktueller politischer Debatten stehen. Am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung arbeiten gegenwärtig 175 Wissenschaftler aus über 30 Nationen. Darüber hinaus bietet das Institut zahlreichen Gastwissenschaftlern Raum und Gelegenheit zum wissenschaftlichen Austausch.

Zum Programm und den Abstracts der Konferenz

Mehr Informationen zur Forschergruppe „Financialisation“

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Prof. Dr. Chris Hann
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
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