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Günther Schlee
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Indira Alibayeva
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CASCA-Workshopbericht

CASCA-Workshopbericht – Ideas and Practices: Exploring Economic and Social Transformation in Central Asia

22. November 2018

Während des Workshops “Ideas and Practices: Exploring Economic and Social Transformation in Central Asia”, der vom 11. bis 13. Oktober 2018 am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung stattfand, trafen sich etwa vierzig Wissenschaftler, die sich mit Zentralasien beschäftigen. An zweieinhalb Tagen diskutierten die Teilnehmer über den raschen sozialen Wandel, der in dieser Region durch die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen in den letzten zehn Jahren ausgelöst wurde.

Vor dem eigentlichen Workshop hatten die Doktoranden von CASCA – dem Halle-Zürich Zentrum für ethnologische Studien zu Zentralasien – und anderen europäischen Universitäten die Gelegenheit, ihre Forschung vorzustellen. Sie präsentierten Projekte zu Themen wie dem Pastoralismus in Nepal, der landwirtschaftlichen Entwicklung, dem wirtschaftlichen Wandel und religiöse Praktiken in postsowjetischen Ländern. Auffallend ist, dass es immer mehr Anthropologinnen und Anthropologen mit zentralasiatischem Hintergrund gibt, die derzeit in Zentralasien forschen.

Der Workshop selbst begann mit einer Podiumsdiskussion zur Frage „Where we are in Central Asian Anthropology?“ und griff die am Vortag angesprochenen Themen zur gegenwärtigen Lage der Zentralasienforschung noch einmal auf. Der Rest des Workshops war einzelnen Beiträgen gewidmet, die eine Reihe gemeinsamer Entwicklungen aufzeigten, die alle vom laufenden Transformationsprozess in dieser Region ausgelöst wurden.

Während der Postsozialismus in jedem Land unterschiedliche Wege eingeschlagen hat, ist der Aufstieg des ethnischen Nationalismus hingegen ein Thema in allen ehemaligen Sowjetrepubliken seit ihrer Neugründung als unabhängige Nationalstaaten. So befasste sich ein Panel mit den Assimilierungsstrategien der usbekischen Minderheit in Kasachstan und Kirgisistan. Ein anderes Panel befasste sich mit den Auswirkungen der Migration von Rückkehrern nach Kasachstan. Dort soll der Aufbau des Nationalstaats durch die Ansiedlung ethnischer Kasachen beschleunigt werden. Die dadurch verursachte Einwanderungswelle von Kasachen aus dem Ausland einerseits und die Abwanderung der slawischen Bevölkerung andererseits veränderten die ethnische Zusammensetzung des Landes dramatisch. Infolge dieser Entwicklung sind beispielsweise überall Siedlungen von neuen Bevölkerungsgruppen entstanden, die Oralman oder Rückkehrer genannt werden.

Die entscheidende Änderung der wirtschaftlichen Strukturen in den postsowjetischen Ländern war die Privatisierung und der Übergang in die Marktwirtschaft. Darüber hinaus haben die chinesische New-Silk-Road-Initiative und die neuen Handelsbeziehungen einen großen Einfluss auf die Überlebensstrategien der Menschen, insbesondere auf diejenigen, die an der Seidenstraße und an den Staatsgrenzen leben. Die Referenten diskutierten beispielsweise auch darüber, wie sich dieser grundlegende wirtschaftliche Wandel auf die Landnutzung und Lebenspraxis von Pastoralisten und auf traditionelle Lebenszykluszeremonien wie etwa Hochzeiten und Gedenkfeiern auswirkt.

Die Rolle der Frauen war ein weiteres Thema, das immer wieder angesprochen wurde. Ein Vortrag beschäftigte sich mit der Situation der aus Russland zurückkehrenden Arbeitsmigrantinnen und ihren Bemühungen um Wiedereingliederung in die eigene Gesellschaft. Andere Präsentationen beschäftigten sich mit den gesellschaftlichen Vorstellungen davon, welche Erwartungen eine richtige Frau zu erfüllen hat sowie den Ausbildungschancen und Berufen von Frauen in der sich stetig wandelnden Gesellschaft.

Im Verlauf des Workshops wurde deutlich, wie sehr anthropologische Studien dazu beitragen können, das soziale Leben in zentralasiatischen Ländern direkt aus der Perspektive der Akteure zu betrachten und zu verstehen.

CASCA ist das größte in Europa ansässige Forschungszentrum für Zentralasien mit rund zwanzig Wissenschaftlern und Doktoranden. Es entstand in Zusammenarbeit zwischen der Abteilung ‚Integration und Konflikt‘ (Prof. Schlee) am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und der Abteilung für Ethnologie der Universität Zürich (Prof. Finke). Dieser Workshop war Teil einer Reihe von Veranstaltungen innerhalb dieser laufenden Zusammenarbeit.

 
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