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Auf dem Weg zu einem besseren Verständnis postkolonialer Gesellschaften

Auf dem Weg zu einem besseren Verständnis postkolonialer Gesellschaften

Interview mit Jacqueline Knörr über ihr neues Buch

16. August 2018

Im Rahmen der diesjährigen EASA-Konferenz 2018 hat Jacqueline Knörr am gestrigen Mittwoch ihr neues Buch „Creolization and pidginization in contexts of postcolonial diversity“ vorgestellt, das sie gemeinsam mit Wilson Trajano Filho herausgegeben hat. Der Band ist im Februar 2018 in der Reihe „Brill's Studies in Language, Cognition and Culture“ bei Brill erschienen.

Jacqueline Knörr und Wilson Trajano Filho mit Gästen bei der Präsentation ihres Buches bei der EASA-Konferenz in Stockholm Bild vergrößern
Jacqueline Knörr und Wilson Trajano Filho mit Gästen bei der Präsentation ihres Buches bei der EASA-Konferenz in Stockholm [weniger]

Im Vorfeld der Präsentation konnten wir mit Jacqueline Knörr sprechen und haben ihr ein paar Fragen zum Inhalt des Buches gestellt:

Jacqueline, worum geht es in Deinem neuen Buch?
Es geht in unserem Buch darum, wie im Zusammenhang ausgeprägter gesellschaftlicher Diversität neue und gemeinsame Sprachen, soziokulturelle Praktiken und politische Identifikationen entstehen und vermittelt werden. Besonders im Blick haben wir dabei postkoloniale Gesellschaften und Prozesse der Dekolonisierung sowie Interaktionen, die in vielfältiger Weise durch die Erfahrung des Kolonialismus und das Bemühen um seine Überwindung geprägt sind. Es geht dabei immer auch um soziale und politische Prozesse der Inklusion und Exklusion, die beispielsweise unter Bezugnahme auf ethnische Herkunft, Religionszugehörigkeit und soziale Klasse stattfinden.

Warum interessierst Du Dich für dieses Thema?
Das ist ein weites Feld. Zum einen gibt es sicher persönliche Gründe, also die eigenen Erfahrungen mit Diversität und postkolonialen Gegebenheiten. Zum anderen gibt es wissenschaftliche Interessen und das Bedürfnis, ein wenig zum besseren Verständnis unserer durch zunehmende Diversität und Mobilität geprägten Welt beizutragen. Da gibt es ja auch hierzulande eine Menge falscher Vorstellungen und Vorurteile. Damit einhergehend ist leider auch eine zunehmende Tendenz zu Ab- und Ausgrenzung zu beobachten. Feindseligkeit und Gewalt gegenüber Asylsuchenden und Migranten – aber auch gegenüber ausländischen Studierenden und Forschenden – nehmen zu.

Und was führt zu dieser zunehmenden Feindseligkeit?
Die Beiträge in unserem Buch zeigen, dass es nicht Unterschiede an sich sind, die zu Konflikten führen, sondern die damit verbundenen – allzu oft falschen und vorschnellen – Vorstellungen und Bewertungen dessen, was einem nicht vertraut oder fremd ist.

Arbeitest Du schon lange an diesen Themen?
Eigentlich habe ich mich schon immer dafür interessiert, wie Unterschiede und Gemeinsamkeiten miteinander in Verbindung stehen. Unterschiede sind ja nicht von Vorneherein etwas Trennendes, sondern können auch als Ergänzung erfahren und gelebt werden. Das gilt für einzelne Menschen, aber auch für Gruppen. Ich beschäftige mich in meiner Forschung unter anderem auch mit Kindern und Jugendlichen in Migrationskontexten.

Was kann man bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen lernen?
Man kann dabei gut beobachten, dass die Verbindung von „anders“ und „bedrohlich“ erst einmal erlernt werden muss. Wer in einem Umfeld aufwächst, in dem Diversität zur persönlichen und gesellschaftlich anerkannten Normalität gehört, wird in der Regel nicht zum Rassisten – und übrigens auch nicht zum heimatlosen Gesellen.

Und in welchem Kontext ist das Buch entstanden?
Das Buch basiert zum einen auf den eigenen Forschungen von Wilson Trajano Filho und von mir und zum anderen auf Beiträgen, die im Rahmen einer Tagung am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle vorgestellt wurden.

Welche neuen Erkenntnisse vermittelt das Buch?
Ich hoffe, es trägt zur Erkenntnis bei, dass die Konzepte und Modelle, die im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Erforschung der westlichen Welt entwickelt wurden, alleine nicht ausreichen, um Gesellschaften verstehen zu können, die durch ganz andere historische Voraussetzungen geprägt sind.

Was siehst Du für Möglichkeiten, um diese Gesellschaften besser zu verstehen?
Wir brauchen neue und innovative Herangehensweisen. Die Konzepte der Kreolisierung und Pidginisierung liefern hierzu einen Beitrag. Sie sind das vorläufige Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Besonderheiten postkolonialer Gesellschaften einerseits und mit Ansätzen ihrer Erforschung durch verschiedene Disziplinen andererseits. Die Hoffnung geht dahin, dass sie zu einem verbesserten und vertieften Verständnis der sozialen, kulturellen und politischen Entwicklungen in postkolonialen Gesellschaften und Kontexten beitragen können.

Woran arbeitest Du gerade?
In meiner aktuellen Forschung geht es um Prozesse, die in der Herausbildung von Nation und Staat in postkolonialen Gesellschaften maßgeblich sind. Unter anderem beschäftige ich mich mit der Rolle ethnischer Identifikationen und transnationaler Interaktionen in solchen Prozessen. Auch hierbei werden innovative theoretische und konzeptionelle Herangehensweisen angewandt und weiterentwickelt, mittels derer die historischen, sozialen, kulturellen und politischen Besonderheiten postkolonialer Gesellschaften berücksichtigt und vergleichend untersucht werden können.

Für wen ist das Buch interessant, wer sollte es lesen?
Das Buch ist für alle lesenswert, die sich für den Zusammenhang von Sprache, Kultur und Identität in postkolonialen Kontexten sowie für innovative und transdisziplinäre Ansätze zu deren Erforschung interessieren.

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Informationen zum Buch:
Jacqueline Knörr, Wilson Trajano Filho (eds.), Creolization and pidginization in contexts of postcolonial diversity; Brill's Studies in Language, Cognition and Culture, 432 pages Hardcover, Brill 2018

 
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