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Chris Hann
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Lale Yalçın-Heckmann
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Konferenzbericht: "Social Relations of the Capitalocene"

Konferenzbericht: "Social Relations of the Capitalocene"

5. Februar 2019

Die Konferenz „Social Relations of the Capitalocene“ vom 23. bis 25. Januar 2019 war die letzte große Veranstaltung des von Chris Hann geleiteten ERC-Projekts „Realising Eurasia: Civilisation and Moral Economy in the 21st Century“ (Grant No 340854). Ziel der von Hann und der Projektkoordinatorin Lale Yalçın-Heckmann organisierten Konferenz war es, die Erkenntnisse der seit 2014 im Projekt durchgeführten empirischen und theoretischen Forschung und ihre breiteren Konsequenzen herauszuarbeiten.
Die Realeurasia-Forschungsgruppe ■ von links: Lale Yalçın-Heckmann ■ Sudeshna Chaki ■ Daria Tereshina ■ Ivan Rajkovic ■ Ceren G. Deniz ■ Laura Hornig ■ Anne-Erita V. Berta ■ Sylvia Terpe ■ Chris Hann ■ Foto: © Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung Bild vergrößern
Die Realeurasia-Forschungsgruppe ■ von links: Lale Yalçın-Heckmann ■ Sudeshna Chaki ■ Daria Tereshina ■ Ivan Rajkovic ■ Ceren G. Deniz ■ Laura Hornig ■ Anne-Erita V. Berta ■ Sylvia Terpe ■ Chris Hann ■ Foto: © Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung

Neben sieben Beiträgen von REALEURASIA-Mitgliedern (fünf Doktorand/innen und zwei Postdocs), die sich in erster Linie mit Fallstudien von Familienbetrieben quer durch Eurasien befassten, stellten deshalb auch Forscher mit anderen geographischen Schwerpunkten oder sogar aus anderen Disziplinen ihre Arbeit vor. Die im Tagungstitel hervorgehobene ökologische Dimension kam besonders deutlich in den Plenarvorträgen am Anfang und am Ende der Tagung zum Ausdruck. Gareth Dale eröffnete die Tagung mit der Bemerkung, dass in den letzten Jahren auch in Davos der Januarschnee spärlich geworden sei. Sein Hauptargument, dass der Kapitalismus „Zeit frisst und die Natur ausradiert“, wurde durch detaillierte Analysen ausgewählter Werken von Thomas Mann und Walter Benjamin konkretisiert: Die „abstrakte Zeit“ der modernen Europäer stellte er der „ökologischen Zeit“ der von E. Evans-Pritchard erforschten Nuer gegenüber. Zum Abschluss der Konferenz zwei Tage später war Mark Harvey etwas vorsichtiger als Dale in seiner Charakterisierung des „Kapitalismus“. Anhand ethnologischer Daten über neuere Entwicklungen in China und Brasilien legte Harvey sein Konzept der „Soziogenese“ vor, in dem allerdings keine allgemeinen Prinzipien abgeleitet werden, sondern eine Polanyi’sche Institutionalisierung der Märkte in unterschiedlichen sozio-kulturellen Umfeldern mit unterschiedlichen Umweltressourcen darstellt. In einem dritten Plenarvortrag nahm Ayşe Buğra ebenfalls auf Polanyi Bezug: ein Paradebeispiel für seine Konzepte der „Einbettung“ und der „Doppelbewegung“ sei der „polarisierende Populismus“ des politischen Islams in der heutigen Türkei.


In der ersten Session gab es einen für unsere auf Eurasien fokussierte Abteilung noch nie dagewesenen geographischen Schwerpunkt: Alle drei Vorträge waren im amerikanischen Doppelkontinent angesiedelt! Andrew Ofstehage beschrieb, wie US-amerikanische Farmer ihre Agrarwirtschaft nach Brasilien ausweiten – auf eine Weise, die ihre Betriebe im mittleren Westen der USA bäuerlich intim erscheinen lässt, denn zumindest bis vor kurzem waren die Bindungen zwischen der Familie und ihrem Land noch recht stark. Fragen der Identität und der Entfremdung wurden ebenfalls in zwei späteren Vorträgen über Fabriken thematisiert: Alejandra Jiménez untersuchte ein VW-Werk in Mexiko und Ivan Rajkovic aus der REALEURASIA-Gruppe befasste sich mit der Autoindustrie in Serbien. Moralische Aspekte standen im Mittelpunkt der Beiträge von Tom Cliff und Laurel Zwissler, die sich mit Sozialhilfe in China beziehungsweise mit dem Konsum von „Fairtrade“-Produkten in den USA beschäftigten. Courtney Lewis und Leilah Vevaina wiesen auf die entscheidende Rolle von ethnischer Zugehörigkeit, Größe und rechtlicher Form des Unternehmens für den wirtschaftlichen Erfolg von Eastern Band Cherokee-Indianern in North Carolina (Lewis) und Parsen in Mumbai (Vevaina) hin. Die Diskussionen über die Vorträge der eingeladenen Gästen und der REALEURASIA-Mitglieder wurden durch die rege Teilnahme anderer Forscherinnen und Forscher aus dem MPI und auch durch langjährige Kooperationspartner bereichert; einige davon stellten sich auch als Diskutanten für die Sessions zur Verfügung.
    

Die Bandbreite der während der Tagung besprochenen Themen war sehr groß; aus diesem Grund werden wir die Beiträge wahrscheinlich nicht in dieser Form als Tagungsband veröffentlichen. Über den eigenen Wert der Papers und der Einsichten der Diskussionsbeiträge hinaus hat die Gruppe in Halle jedoch enorm von den zweieinhalb Tagen intensiven Austausches profitiert. Diese Impulse werden sich indirekt in Doktorarbeiten und anderen Veröffentlichungen niederschlagen, während das Projekt „Realising Eurasia“ in die Endphase geht.

 
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