Max-Planck-Forschungsgruppe - Wie 'Terroristen' Lernen

How 'Terrorists' Learn – Re-considering the tactical and strategic transformation of violent movements and organizations

 

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Terrorgruppen werden oft wie eine „Black Box“ behandelt, sichtbar nur durch die Zerstörungen, die sie verursachen; währenddessen bleiben die Strategien, Entscheidungsfindungen und organisatorischen Prozesse, welche ihren Aktivitäten zu Grunde liegen, meist im Verborgenen und damit scheinbar unbegreiflich. In dieser Forschungsgruppe haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, das Lernen von Terrorgruppen auf kognitiver sowie auf Verhaltensebene zu analysieren und zu kontextualisieren. Wir untersuchen, welche Einflüsse und Motivationen zu Veränderungen führen, und gewinnen damit gleichzeitig generelle Einblicke in die Dynamiken von Gewalt und die Muster des Terrors.

Beim Aufbrechen der Black Box zeigt sich, dass sogenannte „terroristische“ Gruppen mannigfaltige Transformationsprozesse durchlaufen: von der Entscheidung, sich für die Verfolgung eines politischen Ziels zu organisieren, über das Erlernen spezifischer operativer Maßnahmen und Taktiken, bis hin zur Entwicklung oder Abkehr von bestimmten gewalttätigen Strategien. Hinzu kommt, dass Terrorgruppen in einem dynamischen und komplexen Umfeld agieren. Im Kampf gegen den Staat müssen sie sich ständig anpassen, um zu überleben. Dabei lernen sie aus ihren eigenen Fehlern und Erfolgen gleichermaßen wie von anderen Gruppen. Um das Überleben und ihre Relevanz zu sichern, sind manche Gruppen sogar in der Lage, ihre Ziele und Herangehensweisen grundsätzlich zu hinterfragen.

In der bisherigen Forschung wurden vorwiegend die Faktoren beleuchtet, welche Einfluss darauf nehmen, ob terroristische Organisationen in der Lage sind zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Dieser Ansatz hat allerdings von der unserer Meinung nach relevanteren Frage abgelenkt, nämlich wie sie lernen. Lernen findet nicht in einem Vakuum statt. Um verschiedene Aspekte des Lernens terroristischer Gruppen systematisch zu untersuchen, verwendet das Projekt daher ein Modell, dessen Struktur drei miteinander verbundenen Dimensionen folgt, welche die Kontexte (von wem wird gelernt?), Mechanismen (wie wird gelernt?) und Ergebnisse (was wird gelernt?) des Lernprozesses abdecken. Die Frage, von wem oder was gelernt wird, beleuchten wir entlang drei verschiedener Ebenen von der Mikro-, über die Meso-, bis zur Makroebene. Wie Terrorgruppen lernen, also der eigentliche Lernprozess, kann durch die Mechanismen Nachahmung und Wettbewerb dargestellt werden. Das Erlernte äußert sich schließlich in Transformationen auf taktischer Ebene, in der Änderung operativer Vorgehensweisen und Organisationsstrukturen sowie in der Entwicklung und Anpassung von Strategien.

Die einzelnen Projekte der Forschungsgruppe betrachten verschiedene gewalttätige Gruppen und deren Transformationsprozesse. Die zugehörige Feldforschung führte Gruppenmitglieder nach Niger, Palästina, Türkei, Kirgisistan, Syrien, Ägypten, das Baskenland, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Nordirland und Kolumbien. In Ergänzung zur dort betriebenen qualitativen Forschung werden quantitative Datensätze und Primärdokumente analysiert. Alle, individuelle wie gemeinschaftliche, Projekte untersuchen auf verschiedene Weise die Ebenen des Lernkontexts.

In ihrem kürzlich abgeschlossenen Dissertationsprojekt forschte Almakan Orozobekova zu der Frage, welche Faktoren Individuen dazu motivieren, sich gewalttätigen islamistischen Gruppen anzuschließen und wie sie von diesen Gruppen angeworben werden (Mechanismen der Rekrutierung oder Maßnahmen, die diese erleichtern ). Regine Schwab untersucht in ihrer Promotion, inwieweit verschiedene Kooperations- und Konfliktebenen die organisationale Dynamik innerhalb und zwischen Rebellengruppen in Syrien beeinflussen. Katharina Sieberts Projekt analysiert, wie sehr der Grad der Kohäsion einer Gruppe Einfluss auf ihre Wahrnehmung des Umfelds und die Einführung von bestimmten Strategien nimmt. Mit Fokus auf soziale Interaktionen zwischen Beteiligten analysiert Florian Köhler in seinem laufenden Post-Doc Projekt zu Boko Haram den Konflikt im östlichen Niger aus einer breiten systemischen Perspektive. Imad Alsoos vergleicht in seinem Projekt die Formen interner und externer Mobilisierung, welche Hamas und an-Nahda in Phasen der Opposition und während der Ausübung politischer Macht nutzen. Angesichts des jüngsten Anstiegs verschiedener Formen rechtsextremistisch motivierter Gewalt beschäftigt sich Michael Fürstenberg mit Prozessen kollektiven Lernens rechtsterroristischer Akteure. Aus einem komparativen Blickwinkel schließlich analysiert Carolin Görzig Lern- und Transformationsmuster terroristischer Gruppen in Europa, dem Nahen Osten und Lateinamerika. Dabei legt sie den Fokus auf gruppeninterne Prozesse wie zum Beispiel Einfach- und Doppel-Schleifen-Lernen sowie auf Wettbewerb und Nachahmung zwischen Terrororganisationen als maßgebliche Lernmechanismen.

In Ergänzung zur Untersuchung der verschiedenen Ebenen des Lernkontexts entwickelt jedes Projekt einen individuellen konzeptionellen Ansatz, welcher unser ganzheitliches Wissen zu Lernprozessen erweitert. Indem wir eine vergleichende Perspektive einnehmen, streben wir außerdem danach zu beantworten, ob sich das Lernen von Terrororganisationen gegenüber anderen unterscheidet (siehe auch: Is Terrorist Learning Different? - Bericht zum Workshop im November 2019), wie interne und externe Wechselwirkungen ihre Lernprozesse prägen und inwieweit verschiedene Formen des Lernens – oder des Lernversagens – den Erfolg oder Misserfolg von Terrorgruppen erklären.

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