Märkte in Vietnam: Das neue Buch von Kirsten Endres

19. Juni 2019

Im Juni wird Kirsten Endres‘ neues Buch „Market Frictions. Trade and Urbanization at the Vietnam-China Border” als 5. Band in der Reihe „Max Planck Studies in Anthropology and Economy“ bei Berghahn erscheinen. Vietnam-Spezialistin Kirsten Endres ist Forschungsgruppenleiterin in der Abteilung ‚Resilienz und Transformation in Eurasien‘ am Max-Planck- Institut für ethnologische Forschung (MPI). Wir haben mit ihr über ihr neues Buch gesprochen.

Kirsten Endres Stellt ihr Buch "Market Frictions. Trade and Urbanization at the Vietnam-China Border" vor.

Worum geht es in Deinem Buch „Market Frictions“?
Mein Buch handelt von einem Markt in einer vietnamesischen Stadt an der Grenze zu China – einem ganz klassischen Gemischtwarenmarkt, auf dem es vom Reiskocher bis zur Handtasche alles Mögliche zu kaufen gibt. Die vietnamesische Regierung verfolgt seit einigen Jahren ein Programm zum Ausbau und zur Modernisierung des landesweiten Marktnetzwerks, von dem auch „mein“ Markt betroffen war: 2014 wurde das alte Marktgebäude abgerissen und durch ein neues ersetzt. Dies führte damals zu allerlei Spannungen und Reibereien, worauf ja bereits der Titel des Buches hindeutet. Aber solche Spannungen gibt es auch in anderen Bereichen: im täglichen Miteinander der Markthändlerinnen und Händler, in der Auseinandersetzung mit den lokalen Obrigkeiten, oder im Kontakt mit den „andersartigen“ Chinesen, von denen sie die meisten ihrer Waren beziehen.

Warum interessierst Du Dich für Märkte in Vietnam?
Märkte sind sehr lebendige und dynamische Orte, wo Menschen zusammenkommen und miteinander interagieren. Es passiert eigentlich immer etwas: zwei Händler geraten in Streit und beschimpfen sich wüst; eine Gruppe chinesischer Touristen wird nach Strich und Faden abgezockt, oder aber die Polizei kontrolliert einen Marktstand und konfisziert illegale Ware. Aus all diesen Begebenheiten kann man dann sehr viel lernen – über Moralvorstellungen, über Selbst- und Fremdzuschreibungen, über Erwartungen an den Staat, oder ganz allgemein über das Verhältnis zwischen Obrigkeit und Bevölkerung.

Und seit wann arbeitest Du schon an diesem Thema?
Ich habe damit begonnen, als ich 2009 ans MPI kam. Davor habe ich mich mit vietnamesischen Besessenheitsritualen beschäftigt, das ging also mehr in den religiös-spirituellen Bereich. Aber auch bei diesem Thema spielte „der Markt“ – also Marktwirtschaft im weiteren Sinne – eine wichtige Rolle, denn Markt, Konsum und religiöse Praxis stehen immer in einer dynamischen Wechselbeziehung. Viele der spirit mediums, mit denen ich sprach, waren im Handel tätig – von daher war dann der Schritt zum Markt im engeren Sinne eigentlich auch nicht mehr weit.

In welchem Kontext ist das Buch entstanden?
Das Buch entstand im Kontext meiner Forschungsgruppe „Händler, Märkte und der Staat in Vietnam“, die ich von 2010 bis 2015 am MPI leitete. Ich selbst habe rund 8 Monate in Lào Cai geforscht, also von Oktober 2010 bis März 2011, und dann noch einmal im August und September 2012. Danach war ich bis 2016 jedes Jahr ein bis zwei Wochen dort, um das weitere Geschehen vor Ort zu verfolgen, insbesondere die Zeit zwischen dem Abriss des alten Marktgebäudes und dem Einzug der Händlerinnen und Händler in den Neubau.

Welche neuen Erkenntnisse vermittelt das Buch?
Das Buch vertieft das Verständnis dafür, wie sich Märkte unter bestimmten politisch-ökonomischen Bedingungen konstituieren, verändern und funktionieren. Dabei werden auch Parallelen zu Entwicklungen in anderen Teilen der Welt deutlich, wo Stadtentwicklung und –modernisierung auch immer Einfluss auf das Marktwesen hatten.

Für wen ist das Buch interessant, wer sollte es lesen?
Das Buch ist natürlich vor allem für Wirtschaftsethnolog*innen und Südostasienwissenschaftler*innen interessant, darüber hinaus aber auch für alle jene, die sich mit Wandlungsprozessen in post- oder spätsozialistischen Gesellschaften befassen.

Woran arbeitest Du jetzt gerade?
Derzeit leite ich eine Forschungsgruppe, die sich mit Elektrizität und erneuerbaren Energien in der Mekong-Region beschäftigt. Wir untersuchen insbesondere den Zusammenhang zwischen dem Ausbau von Stromnetzen und der Konstitution moderner Staatsmacht in Vietnam, Laos und Südchina. Im Rahmen dieses Themas forsche ich zur Geschichte der Elektrifizierung in Vietnam während der französischen Kolonialzeit. Ein ganz neues Thema also – wobei auch hier natürlich wieder der „Markt“ eine wichtige Rolle spielt!

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