Wege aus dem Terrorismus

Forschungsbericht (importiert) 2018 - Max Planck Institut für ethnologische Forschung

Autoren
Görzig, Carolin
Abteilungen
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle (Saale)
DOI
Zusammenfassung

In den Lernprozessen von Terrorgruppen können wir eine Deradikalisierungslogik ausmachen: Gruppen ändern nicht ihre Ziele, sondern hinterfragen die Mittel sowie Werte, die diese Ziele definieren. Wenn sich Gruppen deradikalisieren, splittern oft radikalere Fraktionen ab. Diese Radikalisierung führt zur Radikalisierung von staatlichen Gegenmaßnahmen. In den Lernprozessen von Terrorgruppen wird die Logik von (De-)Radikalisierungsmechanismen erkennbar. Diese Erkenntnisse lassen sich nutzen, um Co-Radikalisierungsmuster zwischen Staat und nichtstaatlichen Gruppen zu durchbrechen.

Finden Sie, man sollte mit Terroristen verhandeln? In Politik und Öffentlichkeit wird oft diskutiert, ob dies überhaupt machbar wäre. Was dabei aus dem Blick gerät, ist die Frage nach dem Wie. Um fundierte Aussagen darüber zu machen, wie man mit Terroristen verhandeln kann, ist es sinnvoll, Lernprozesse von Terrorgruppen im Hinblick darauf zu untersuchen, wie ein Nachdenken über die Sinnhaftigkeit von Gewalt in Gang gesetzt wird.

Wir beschäftigen uns in unserer Forschungsgruppe vergleichend mit Lernprozessen von Terrorgruppen, die sowohl zur Deradikalisierung, also zu einer Abkehr von der Gewalt, als auch zu einer Radikalisierung führen können. Empirische Daten erheben wir in Interviews mit ehemaligen und gegenwärtigen Mitgliedern unterschiedlicher Terrorgruppen und wir haben dazu Feldforschung in Ägypten, Kolumbien, Palästina, Syrien, im Niger, in Kirgisistan, Nordirland und in der Türkei durchgeführt.

Im Ergebnis haben wir eine Deradikalisierungslogik ausgemacht: Gruppen ändern ihre Ziele – zumindest zunächst – nicht; sie hinterfragen vielmehr die Mittel sowie die Werte, die ihre Ziele definieren. Diese Überlegungen können der Diskrepanz zwischen gesetzten und erreichten Zielen entspringen. Es kann aber auch sein, dass sich Ziele widersprechen und die Gruppen versuchen, diesen Konflikt aufzulösen.

Um den Mechanismus der Deradikalisierung in Gang zu setzen, müssen die Gruppen solche Widersprüche selbst problematisieren. Wie die Organisationswissenschaftler Chris Argyris und Donald A. Schön beschreiben, geht es darum, sogenannte Doublebinds diskutierbar zu machen. Das sind Situationen, in denen man aufgrund unvereinbarer Anforderungen nur verlieren kann, wobei die Widersprüche nur schwer zu benennen sind.

Die militante ägyptische Bewegung Gamaa Islamija etwa erkannte für sich, dass der Dschihad – der zum Selbstzweck geworden war – nicht mit ihrem Ziel vereinbar ist, die Menschen zu führen, und befand ihn letztlich als kontraproduktiv. Die Gruppe löste die Doublebinds, indem sie Ziele priorisierte und schlussfolgerte, dass der Dschihad lediglich Mittel zum Zweck sei. Wichtig ist, dass den Anführern solcher Gruppen die Unvereinbarkeit ihrer Ziele bewusst wird.

Abb. 1: In Nordirland trennen seit 1969 sogenannte Friedenslinien oder -mauern etliche Wohngebiete von pro-irischen Republikanern und pro-britischen Unionisten. Die abgebildete Wandmalerei an einer solchen Peace Wall im nordirischen Belfast zitiert Nelson Mandela: „In meinem Land gehen wir erst ins Gefängnis und werden dann Präsident.“ Der wegen seines Widerstands gegen die Apartheid 27 Jahre inhaftierte Mandela wurde 1994 erster schwarzer Staatspräsident nach der Beseitigung des Apartheid-Regimes in Südafrika. Heute ist er ein Vorbild für alle, die sich für eine gewaltfreie Lösung des nordirischen Konflikts einsetzen.

Dabei können auch Verhandlungen helfen. Denn entgegen der Annahme, Verhandlungsbereitschaft und -erfolg basiere nur auf dem rationalen Kosten-Nutzen-Kalkül der Verhandlungsteilnehmer, kann schon ein Dialog an sich dazu beitragen, Terrorgruppen die Widersprüchlichkeit ihrer Ziele zu verdeutlichen. Auch die irische IRA hat die Mittel geändert, um ihre Ziele zu erreichen. Gewalt aufzugeben und gleichzeitig den eigenen Zielen treu zu bleiben, das hatten sie unter anderem vom südafrikanischen ANC gelernt.

Statt an Terrorgruppen mit dem Anspruch heranzutreten, sie müssten ihre Ziele vollständig aufgeben, was als Kapitulation empfunden wird und Doublebinds eher verstärkt, sollten Verhandlungen auf die Veränderung der Mittel abzielen. So können die Gespräche auch dazu dienen, den Anführern Argumente zu liefern, um ihre Basis zu überzeugen. Verhandlungen können darauf aufbauen, dass das eigentliche Lernen darin liegt, die Mittel und Werte zu hinterfragen, welche die Ziele definieren.

Der Mechanismus der Deradikalisierung kann aber auch mit einer Radikalisierung verbunden sein. Wenn sich Gruppen von der Gewalt abwenden, spalten sich oft radikalere Fraktionen ab. Als sich die Bewegung Gamaa Islamija deradikalisierte, wanderten Mitglieder zu al-Qaida ab. Diese verstand die Mäßigung der Gamaa Islamija als Niederlage und reagierte darauf, indem sie die Gewalt gegen den „fernen Feind“ – kulminierend in den Anschlägen vom 11. September – eskalierte. Das rief einen neuen Zielkonflikt zwischen dem globalen Dschihad und der lokalen Agenda islamistischer Gruppen hervor, die sich eher auf den Sturz ihrer Heimatregierungen konzentrierten, statt den Westen allzu sehr zu provozieren.

Der Drohnenkrieg produziert mehr Terroristen als er tötet

Die Globalisierung des Dschihad führt wiederum zu radikaleren staatlichen Gegenmaßnahmen wie etwa dem US-amerikanischen Drohnenkrieg. Solche Maßnahmen sind allerdings oft kontraproduktiv, da sie die Argumente der radikalen Splittergruppen gegenüber sich mäßigenden Gruppen stärken. So fallen den Drohnen immer wieder zahlreiche Zivilisten zum Opfer, was selbst hochranginge US-Militärs zu dem Schluss bringt, dass der Drohnenkrieg mehr Terroristen produziert als er tötet.

Die Opfer des Antiterrorkampfes dienen radikaleren Gruppen häufig als Argument gegenüber moderaten Organisationen. Al-Qaida-Anführer Aiman al-Sawahiri beschuldigte beispielsweise die Gamaa Islamija, ihre Ideale an den ägyptischen Staat zu verraten, als sie sich mäßigte. Der Vorwurf lautete, die Bewegung kaufe sich aus dem Gefängnis frei und gebe ihre Ziele auf, während viele andere Islamisten in ägyptischen Gefängnissen gefoltert werden. Solche Argumente lassen sich entschärfen, wenn staatliche Akteure bei der Terrorbekämpfung weniger brutal vorgehen und in Verhandlungen auf Maximalforderungen wie die Aufgabe von Zielen verzichten.

Abb. 2: Die vier Wellen nach David Rapoport und die Zukunft des Terrorismus

Die Entwicklung des Terrorismus seit den 1880er-Jahren wurde von dem Politologen und Pionier der Terrorismusforschung David Rapoport in vier sich überlappende historische Wellen unterteilt, die jeweils rund 40 Jahre andauerten: die anarchistische Welle (ca. 1880er bis 1920er-Jahre), die antikoloniale Welle (ca. 1920er bis 1960er), die Welle der Neuen Linken (ca. 1960er bis 1990er), und die gegenwärtige religiöse Welle, die etwa in den 1970er/80er-Jahren begann. Die beschriebene Logik der Radikalisierung und Deradikalisierung betrifft sowohl Gruppen der aktuellen religiösen Welle wie auch Gruppen vorheriger Wellen, wie die Beispiele des ANC, der IRA oder auch der Palästinenserorganisation PLO belegen.

In der Radikalisierung von Gruppen einer Welle und in der Überreaktion von Staaten könnte bereits die Entstehung einer nächsten Welle begründet liegen. Auch wenn militärische Gewalt Terrorismus kurzfristig eindämmen kann, wurzeln in ihr langfristige Entwicklungen von Gewalt und Terror. Verhandlungen können eine Alternative sein, die die Gewaltspirale der Wellen des Terrorismus und Counterterrorismus unterbrechen.

Die nächste Gewaltwelle könnte von Rechtsextremen ausgehen

Die parallele Radikalisierung von Staat und nichtstaatlichen Gruppen wirft jedenfalls die Frage nach der Zukunft des Terrorismus auf. Wenn man annimmt, dass sich die gegenwärtige religiöse Welle gemäß Rapoports historischem Muster dem Ende zuneigt, bleibt die Frage nach der nächsten Welle. Aktuelle Entwicklungen deuten darauf hin, dass Rechtsextremismus hier eine Rolle spielen könnte. Es könnte aber auch der dschihadistischen Bewegung gelingen, die Energie ihrer Welle zu erhalten oder an eine zweite religiöse Welle zu übertragen. Des Weiteren lässt sich beobachten, dass Rechtsextreme Elemente religiöser Gruppen übernehmen und zum Beispiel an den christlichen Fundamentalismus oder an das germanische Neuheidentum anknüpfen. Eine zukünftige Welle könnte auch eine Mischform sein.

Lässt sich die Gewaltspirale zwischen Staat und Terroristen durchbrechen? Die Anführer der Gamaa Islamija kamen zu ihren neuen Positionen, als sie sich im Gefängnis mit anderen politischen Gefangenen austauschten, etwa mit nichtreligiösen Liberalen. Nicht nur interne Prozesse und neue Argumentationsketten können von außen angestoßen werden, auch Argumente für Radikalisierung können von außen entschärft werden. Die Lernprozesse von Terrorgruppen geben Aufschluss darüber, welcher Logik die Mechanismen der Radikalisierung und Deradikalisierung folgen. Unser Ziel ist es, diesen Mustern auf den Grund zu gehen. Unsere Einsichten in die Logik von Eskalation und Deeskalation können Antwort darauf geben, wie solche Prozesse umgekehrt werden. Es geht darum, Wege aus der Gewalt zu finden und Alternativen zur Wiederholung kontraproduktiver Maßnahmen zu entwickeln. Finden Sie, man sollte mit Terroristen verhandeln?

Literaturhinweise

1.
Argyris, C.; Schön, D. A.
Die lernende Organisation: Grundlagen, Methode, Praxis
Schäffer Poeschel, Stuttgart (2008)
2.
Rosenfeld, J. E. (Ed.)
Terrorism, identity and legitimacy. The four waves theory and political violence
Routledge, New York (2011)
3.
Rapoport, D. C.
The four waves of modern terrorism
In: Attacking terrorism: elements of a grand strategy (Eds. Cronin, A. K.; Ludes, J. M.). Georgetown University Press, Washington, D. C. (2004)
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