Warten als universelle menschliche Erfahrung – Kurzfilm über die indische Bürokratie erfolgreich beim RAI-Filmfestival
Ikuno Naka, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, und Garima Jaju, Smuts-Forschungsstipendiatin an der Universität Cambridge, sprechen über das Filmen von Bürokratie, Warten und die Funktionsweise des Staates in Indien. Ihre jüngste Arbeit – ein ethnografischer Kurzfilm mit dem Titel Reception Room, Wing D – wurde im Rahmen des Filmfestivals des Royal Anthropological Institute in Großbritannien gezeigt, wo der Film eine lobende Erwähnung für den Marsh Short Film Prize erhielt.
Könnt Ihr mir erzählen, wie Ihr dazu gekommen seid, einen Dokumentarfilm über indische Bürokratie zu machen? Gab es ein bestimmtes Ereignis, das den Anstoß für das Projekt gegeben hat?
2015 und 2016 waren wir beide in Indien, um für unsere Doktorarbeiten zu forschen. Dabei verbrachten wir viel Zeit damit, in Wartezimmern aller Art zu sitzen. Dabei ist uns aufgefallen, dass wir diesen Momenten des Wartens wenig Beachtung schenken, weil sie genau das sind: Warten auf etwas. Aber diese Räume und Momente sind viel mehr. Sie sind voller Aktivitäten und Hektik, Emotionen, Wut, Angst, Hoffnung, humorvollen Wortwechseln, Fantasien. Und genau das wollten wir einfangen.
Unser Filmprojekt spielt in einem kleinen Empfangsraum der Delhi Development Authority, der wichtigsten Behörde für öffentlichen Wohnungsbau und Landentwicklung in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi. Seitdem haben wir immer wieder in diesem Raum gedreht. Im Laufe der Zeit hat sich einiges verändert, selbst in der scheinbar schwerfälligen Langsamkeit der Bürokratie: Neue Empfangsmitarbeiter sind gekommen, andere sind weggegangen, wieder andere sind in Rente gegangen. Gleichzeitig wurde der Staat zunehmend digitalisiert und die Bürokratie schrumpfte in Umfang und Größe, weil bürokratische Aufgaben an private Unternehmen ausgelagert und Mitarbeiter mit befristeten Verträgen eingestellt wurden. Und inmitten all dieser Veränderungen kommen und gehen die Menschen weiterhin in diesen Empfangsraum.
Unser Langzeitprojekt, das in der zehnjährigen Amtszeit der „wirtschaftsfreundlichen” Regierung von Premierminister Modi spielt, ist daher ganz einfach ein visuelles Archiv eines sich stetig privatisierenden Staates und ein Versuch, Spuren einer älteren und anderen Vorstellung vom Staat festzuhalten, in der der Staat als öffentliches Gut in Erinnerung bleibt, und in der er für das Wohlergehen seiner Bürger verantwortlich ist.
Worum genau geht es in Eurem Kurzfilm?
Der Film lädt zu einer präzisen Beobachtung des Alltags der einfachen Beamten und der einfachen Bürger ein, die hier in diesem unscheinbaren Empfangsraum einer großen Behörde aufeinanderprallen. Alle möglichen Menschen, Akten, Gerüchte, Klatsch, Tratsch und Kisten mit Süßigkeiten kursieren durch den Raum auf ihrem Weg in das bürokratische Labyrinth dahinter. Was einem auffällt, wenn man lange Stunden im Wartezimmer sitzt, ist das unermüdliche Bemühen der Menschen, die richtige Person hinter dem richtigen Schreibtisch mit der richtigen Befugnis zu finden, um ihr Anliegen vorzubringen. Diese Suche – finden, ansprechen, überzeugen – hat nicht nur einen prozeduralen, sondern auch einen zutiefst politischen Charakter
Wir wollten über die Darstellungen der Bürokratie als Institution hinausgehen und stattdessen mit Hilfe des Films den Fokus auf die Bürokratie im Alltagsleben richten: auf die kleinen Siege und Niederlagen, den Humor und die Ängste, die flüchtigen Freundschaften und latenten Spannungen zwischen Menschen und Dingen, die den „echten“ Staat ausmachen, wie ihn die Menschen erleben. Damit wollten wir ein intimes und lebendiges Porträt der bürokratischen Arbeit und der persönlichen Art und Weise zeichnen, wie politische Forderungen gestellt und ausgehandelt werden.
Wie ist die Produktion des Films gelaufen?
Dieser Film ist ebenso sehr Fiktion wie Non-Fiktion. Unsere Protagonisten – die Rezeptionisten Kamala, Savitri, Sujata und Suresh sowie der Chef der Rezeption, Rajesh – haben alle auf ihre eigene Weise vor der Kamera gespielt. Sie hatten ihre eigenen Vorstellungen davon, was gefilmt und erzählt werden sollte. Rajesh, der Chef der Rezeption, bat uns in seinem Büro und las uns Gedichte vor, die er selbst geschrieben hatte, wobei er direkt in die Kamera blickte. Etwas zurückhaltender, aber dennoch sehr bestimmt äußerten sich die Rezeptionisten Kamala und Savitri dazu, was gedreht werden und wie der Staat und seine Angelegenheiten dargestellt werden sollten.
Hoffentlich überträgt sich diese Zusammenarbeit, die die Dreharbeiten geprägt hat, nun auch auf das Publikum, indem es an der universellen, menschlichen Erfahrung teilhat, sich in einem Zwischenraum zu befinden und ständig danach zu streben, ihn zu verlassen. Die verschiedenen Menschen, denen wir unterwegs begegnen, die Informationen, die wir zu sammeln versuchen, die verstrichene Zeit ... hoffentlich regt der Film zu größeren Reflexionen über die Erfahrung des Wartens an, die über den unmittelbaren Hintergrund des Wartens im kleinen Empfangsraum von Flügel D hinausgehen.
Trailer zum Film: https://raifilm.org.uk/films/reception-room-wing-d/
