Europäische Rechtsprechung in einer vielfältigen Gesellschaft
Am 27. und 28. November 2025 findet am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung die Jahrestagung des CUREDI-Projekts statt. CUREDI (Cultural and Religious Diversity under State Law across Europe) ist eine Initiative der Abteilung „Recht & Anthropologie” am MPI. Ziel des Projekts ist es, eine öffentlich zugängliche Datenbank mit Gerichtsurteilen zu entwickeln und zu pflegen, die sich mit Fragen der wachsenden kulturellen und religiösen Vielfalt in Europa befassen. Die Datenbank beinhaltet Analysen und Kommentare von Rechtsexperten und Verweise auf die einschlägige ethnologische Forschung.
Suche nach empirischer Evidenz für die vielfältigen Einflüsse auf das Recht
„Als wir vor einigen Jahren mit diesem Projekt begannen, waren wir motiviert durch die Erkenntnis, dass nationale Rechtsordnungen zunehmend auf die wachsende religiöse und kulturelle Vielfalt in Europa reagieren müssen – und dass es daher unerlässlich ist, empirisch fundierte Informationen darüber zu haben, ob und in welcher Weise diese Vielfalt das Recht beeinflusst. Deshalb haben wir mit der systematischen Untersuchung dieser Frage begonnen”, sagt Marie-Claire Foblets, Direktorin der Abteilung ‚Recht & Ethnologie‘ und Leiterin des Projekts.
Wissenschaftliche Analyse der europäischen Rechtsprechung
Derzeit haben mehr als 30 Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler aus 20 Ländern zur CUREDI-Datenbank beigetragen. Sie umfasst nun 125 Analysen von Gerichtsurteilen. Weitere 500 Analysen befinden sich gerade in der Entwicklung. Foblets: „Die von uns ausgewählten Urteile zeigen anschaulich, wie sich das staatliche Recht schrittweise an die kulturelle und religiöse Vielfalt und die Forderungen nach rechtlicher Anerkennung dieser Vielfalt angepasst hat.“ Die Autorinnen und Autoren der Kommentare untersuchen und kontextualisieren die in den Urteilen verwendeten Argumente, um die Gewährung oder Ablehnung von Anträgen auf Anerkennung von Traditionen, Praktiken oder religiösen und anderen Überzeugungen zu begründen.
Umfassende Dokumentation des Wandels staatlichen Rechts
„Die Veröffentlichung der Datenbank in diesem Jahr war ein wichtiger Schritt“, sagt Foblets. „Und der weitere Aufbau des Fall-Repositoriums geht jetzt sehr zügig voran.“ CUREDI zeigt, wie Rechtsordnungen durch kulturelle und religiöse Vielfalt beeinflusst werden und welche Rückwirkungen dieser Einfluss auf die Gesellschaft hat. Aus diesem Grund können die Ergebnisse des Projekts für Gerichte, Justizbehörden und eine Vielzahl von Interessengruppen in ganz Europa von praktischer Relevanz sein.
Digitalisierung des Justizsystems: Neue Möglichkeiten und Perspektiven
„Wir freuen uns ganz besonders, Wojciech Postulski als Hauptredner für die diesjährige CUREDI-Konferenz gewonnen zu haben“, sagt Foblets. Postulski ist polnischer Richter und Teamleiter für Justizausbildung in der Generaldirektion Justiz und Verbraucher der Europäischen Kommission. In seiner Keynote mit dem Titel „Bridging Cultures and Technologies: Towards a More Human-Centred Digital Justice“ (Brücken zwischen Kulturen und Technologien: Auf dem Weg zu einer menschenzentrierteren digitalen Justiz) wird er die digitale Transformation der Justiz in der EU untersuchen und der Frage nachgehen, wie dieser Prozess die notwendigen Voraussetzungen für ein Justizsystem schaffen könnte, das zugänglicher, fairer und kultursensibler ist.
Kontakt:
Prof. Dr. Marie-Claire Foblets
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
Tel.: 0345 2927-300
Mail: foblets@eth.mpg.de
https://www.eth.mpg.de/foblets
Kristen Frers
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
Tel.: 0345 2927-375
Mail: frers@eth.mpg.de
