Von der eigenen Erfahrung zur professionellen Betreuung – Neue Wege der Fürsorge in der Psychiatrie

27. März 2026

Vor kurzem hat am MPI für ethnologische Forschung ein neues Projekt mit dem Titel „Situierte Fürsorge: Subjektivität, Wissen und Arbeit“ begonnen, das im Rahmen des Emmy-Noether-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird. Wir haben mit Lauren Cubellis, der Leiterin der Forschungsgruppe, gesprochen. Wir wollten wissen, worum es bei ihrem Projekt geht und was dazu geführt hat, dass sie nach Halle ans MPI gekommen ist.

Lauren, Du beschäftigst Dich in Deinem Projekt mit neuen Formen der Fürsorge in der Psychiatrie. Das ist ein eher ungewöhnliches Thema für eine Ethnologin. Wie bist Du darauf gekommen?
Ich war 2013 in New York Mitglied einer Forschungsgruppe, die sich mit alternativen Formen der Versorgung für Menschen mit psychischen Erkrankungen befasste. Im Rahmen dieser Tätigkeit kam ich sowohl mit dem psychiatrischen Gesundheitssystem als auch mit Klienten in Kontakt und erkannte, dass die psychische Gesundheitsversorgung im Wesentlichen auch ein kultureller Prozess ist. Meine Arbeit an dieser Schnittstelle setze ich nun schon seit vielen Jahren fort.

Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?
Ich denke, ich habe gelernt, Menschen, die eine psychische Krise durchleben, genau zuzuhören und ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum viele Betroffene die traditionelle Behandlung psychischer Erkrankungen als ineffektiv oder gelegentlich sogar als bedrohlich empfinden. In einigen Fällen kann es sogar äußerst schwierig sein, überhaupt Zugang zu einer Behandlung zu erhalten.

Warum ist das so?
Das Machtgefälle zwischen Klienten und medizinischem Fachpersonal innerhalb des traditionellen psychiatrischen Systems ist sehr groß. Behandlungen gehen nicht selten mit einem tiefgreifenden Verlust an Kontrolle, Privatsphäre, Würde und Respekt einher und können zu einem langen Aufenthalt in geschlossenen Einrichtungen führen. In New York City ist das System sehr fragmentiert. Das Projekt, an dem ich 2013 gearbeitet habe, sollte einige dieser Lücken schließen und alternative Formen der Pflege außerhalb von Krankenhäusern anbieten.

Was war das Neue an diesem Programm?
Unter anderem konzentrierte sich die Zusammenarbeit mit den Klienten weniger auf die Verabreichung von Medikamenten als vielmehr darauf, die Menschen wieder in ihre sozialen Netzwerke einzubinden und einen stärker personenzentrierten und langfristigen Genesungsplan zu entwickeln. Hier wurden bereits einige Reformideen, mit denen ich mich in meiner jetzigen Forschung beschäftige, in der Praxis erprobt: Es wurden beispielsweise Krisenhilfeprogramme eingerichtet, in deren Rahmen stationäre Betreuung angeboten wurde. Hier wurden Menschen in Krisensituationen von anderen unterstützt, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Heute werden diese Betreuer als Genesungsbegleiter, oder manchmal auch als Peers, Peer-Support-Workers oder Peer-Professionals bezeichnet.

Was machen die GenesungsbegleiterInnen genau?
Peer-Support-Arbeit kann sowohl formell als auch informell erfolgen. In formellen Pflegeeinrichtungen sind Peers Mitarbeiter in Kliniken oder gemeindenahen Einrichtungen, die ihre eigenen Erfahrungen mit psychischen Krisen und Genesung in die Arbeit einbringen. Aufgrund ihrer Erfahrung mit solchen Situationen und ihrer Ausbildung sind sie in der Lage, eine besondere Verbindung zu Klienten in Krisensituationen aufzubauen und bemühen sich, mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Auf diese Weise ergänzen sie die Arbeit von medizinischen Fachkräften und stellen sie häufig auch in Frage. Sie sind also Teil eines Prozesses, der traditionelle Formen der biomedizinischen Versorgung hinterfragt und zu verbessern versucht. Aus etablierten Forschungen im Gesundheitswesen wissen wir, dass diese Situation für Einrichtungen unter Umständen schwierig zu handhaben ist, für die Nutzer oder Klienten jedoch gleichzeitig sehr vorteilhaft sein kann.

Sind die Genesungsbegleiter fest angestellt oder arbeiten sie freiwillig?
Die Idee ist, dass sich durch die Professionalisierung des Berufsbildes für die Genesungsbegleiter neue Möglichkeiten der Integration in den Pflegebereich eröffnen und dass die Professionalisierung auch zur Reform des psychiatrischen Systems beiträgt. Und tatsächlich sind in den vergangenen Jahren in vielen psychiatrischen Einrichtungen Arbeitsplätze für diese neue Art von Pflegkräften entstanden. Deshalb ist es auch ein Teil meines Forschungsprojekts zu untersuchen, wie die Zusammenarbeit der Genesungsbegleiter und des medizinischen Fachpersonals in der Praxis funktioniert und wie sich diese Kooperation entwickelt. Wir sind auch daran interessiert, warum Personen, die diese Ausbildung abgeschlossen haben, sich manchmal dafür entscheiden, nicht in einem formellen Beschäftigungsverhältnis zu arbeiten.

Kann denn jeder mit eigener Erfahrung als Nutzer psychiatrischer Dienste Genesungsbegleiter werden?
Dies ist tatsächlich eine sehr wichtige Debatte in diesem Bereich. Die eigene Erfahrung ist eine notwendige Voraussetzung, aber persönliche Erfahrungen können sehr unterschiedlich sein. Persönliche Erfahrungen bedeuten ja nicht automatisch, dass jemand für eine professionelle Pflegefunktion geeignet ist oder diese übernehmen möchte. Diejenigen, die dies als Beruf ausüben, durchlaufen einen umfassenden Ausbildungsprozess, der gelebte Erfahrung in professionelles Expertenwissen umwandelt. Das bedeutet, dass man lernt, seine persönlichen Geschichten und Lebenserfahrungen auf eine ganz bestimmte Art und Weise einzusetzen. Ich bin sehr daran interessiert, wie dieser Lernprozess abläuft und was mit diesem Wissen geschieht, wenn es als berufliche Kompetenz eingesetzt wird.

Wie willst Du bei Deiner Forschung vorgehen? Hast Du Methoden, die Du bevorzugst?
Teilnehmende Beobachtung ist neben herkömmlichen und offenen Interviews der wichtigste Baustein der Methodik. Das Team wird auch Raum für die Reflexion über unsere eigenen Prozesse der Wissensproduktion schaffen, was ein wesentliches Element dieser Forschung ist.

Warum konzentrierst Du Dich dabei auf deutschsprachige Länder?
Zum einen deshalb, weil hier die Formalisierung der Ausbildung für Genesungsbegleiterinnen und -begleiter schon weit fortgeschritten ist. Die Möglichkeiten zum Vergleich und zur Identifizierung verschiedener sozialer und kultureller Faktoren, die die Praxis prägen, sind recht umfangreich. Und zum anderen, weil die Psychiatrie hier eine besonders dunkle Geschichte hat. Die Missbräuche des T4-Programms und die Entwicklungen in der Psychiatrie während der nationalsozialistischen Zeit spielen in der Diskussion über die heutige psychiatrische Praxis nach wie vor eine wichtige Rolle. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte liefert wichtige Erkenntnisse für die heutigen Diskussionen über Machtverhältnisse und Risiken in der psychiatrischen Behandlung. Dies unterstreicht die Bedeutung der Peer-Support-Arbeit nicht nur als neue berufliche Rolle, sondern auch als politische Aktion, bei der Menschen sich dafür einsetzen, diese Machtstrukturen aufzudecken und neu zu gestalten.

Du hast Dich dafür entschieden, mit Deinem Projekt an unser MPI zu kommen. Was hat dafür den Ausschlag gegeben?
Ich war auf der Suche nach einem Institut, an dem ich mit Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten kann, die innovative Forschung in der gesamten Disziplin betreiben und sich dafür engagieren, kritische Fragen sowohl zur Theorie als auch zur Methode zu stellen. Julia Vorhölter und andere haben eine leistungsfähige Arbeitskultur rund um die medizinische und psychologische Anthropologie aufgebaut. Wir sind bereits seit geraumer Zeit in Kontakt, und sie hat die Arbeitsatmosphäre am MPI für ethnologische Forschung stets als sehr positiv beschrieben. Die Entscheidung, nach Halle zu kommen, fiel mir deshalb überhaupt nicht nicht schwer.

Auf wie viele Jahre ist Dein Projekt angelegt?
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert Emmy-Noether-Projekte für sechs Jahre. 
Wir stehen also erst am Anfang. Es gibt viel zu tun!

Und wie geht es jetzt weiter, was sind Deine nächsten Schritte?
Ich habe zwei äußerst engagierte Teammitglieder eingestellt, eine Postdoktorandin und einen Doktoranden, die im Juni ihre Arbeit aufnehmen werden. Ich bin gerade von einer erste Feldforschungsreise im Februar zurückgekehrt, bei der ich viele aufmerksame und engagierte Menschen getroffen habe, die in diesem Bereich tätig sind. Im kommenden Herbst werden wir als Team eine ähnliche Reise unternehmen.

Zur Redakteursansicht