Italiens Umgang mit Seetoten im Mittelmeer 

Forschungsbericht (importiert) 2025 - Max Planck Institut für ethnologische Forschung

Autoren
Bianchini, Katia
 
Abteilungen
Abteilung Recht & Ethnologie
Zusammenfassung
Seit 2014 wurden laut der Internationalen Organisation für Migration mehr als 34.000 Menschen auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer als vermisst oder verstorben gemeldet. Die meisten werden nie aufgefunden; selbst geborgene Leichname können nur selten identifiziert werden. Hinzu kommen rechtliche und praktische Herausforderungen – von der Benachrichtigung der Angehörigen über Sterbeurkunden bis zur würdevollen Bestattung. Unsere Forschung beleuchtet die fragmentierten rechtlichen Grundlagen und lokalen Praktiken in diesem Bereich und entwickelt Handlungsempfehlungen für einen menschenwürdigen Umgang mit den Verstorbenen.

Die zentrale Mittelmeerroute ist ein Seeweg, der die Länder Nordafrikas mit der Südküste Italiens und mit Malta verbindet. Sie gilt aufgrund von riskanten Transitstrategien wie seeuntüchtigen Schlauchbooten und Schleppern als die gefährlichste Migrationsroute der Welt. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden im Mittelmeer zwischen 2014 und März 2026 rund 34.000 Migranten und Migrantinnen als vermisst oder verstorben gemeldet, davon waren mehr als 25.000 auf der zentralen Mittelmeerroute unterwegs. Die tatsächlichen Zahlen liegen allerdings erheblich höher, denn ein Großteil der auf See umgekommenen Schutzsuchenden wird nicht aufgefunden oder die Bergung der Leichname ist kompliziert: Selbst wenn sie aus dem Meer geborgen werden, können nur wenige Verunglückte identifiziert und ihre sterblichen Überreste den Angehörigen übergeben werden.

Hintergrund und aktuelle Herausforderungen

In unserer Forschung untersuchen wir die Rechtsprechung und Praktiken im Zusammenhang mit der Identifizierung, Registrierung und Bestattung von Migranten und Migrantinnen, die bei dem Versuch, Italien auf der zentralen Mittelmeerroute zu erreichen, auf See ums Leben gekommen sind. Der gegenwärtige Ansatz, den die Anrainerstaaten bei der Identifizierung der Verunglückten und der Benachrichtigung ihrer Angehörigen verfolgen, ist durch die irregulären Umstände und die räumliche Distanz häufig ineffektiv. Es stellt sich insbesondere die Frage nach den rechtlichen Grundlagen und Methoden, die bei der Identifizierung der Verstorbenen angewendet werden sollten. Weitere Schwierigkeiten entstehen aus fehlender Sorgfalt bei der Registrierung der Fälle und bei der Bestattung der Toten, unter anderem durch die mangelhafte Ausfertigung von notwendigen Dokumenten oder die Bestattung auf Friedhöfen in einem vom Fund- oder Sterbeort abweichenden Verwaltungsbezirk.

Für die Angehörigen bedeutet dies: Oft haben sie keine Möglichkeit, vom Schicksal des verschollenen Familienmitglieds zu erfahren. Das Trauern um die Toten wird ihnen somit verwehrt. Darüber hinaus hat diese Ungewissheit auch weitreichende juristische Auswirkungen für die Angehörigen – bei Fragen der Erbschaft oder des Familienrechts zum Beispiel bleibt der Status der hinterbliebenen Kinder oder der Ehepartnerin bzw. des Ehepartners ungeklärt. Oder es gibt finanzielle Verpflichtungen, denen nicht nachgekommen werden kann.

Vor diesem Hintergrund will die Forschung zu einem besseren Verständnis der nationalen Gesetzgebung und der Praktiken im Umgang mit auf dem Seeweg verstorbenen Migranten und Migrantinnen zu gelangen, um auf dieser Basis Handlungsempfehlungen zu liefern. Unsere Studie stützt sich auf die Analyse von Gesetzestexten und auf empirische Daten aus Interviews mit wichtigen Schlüsselpersonen, darunter Präfekturen, Bürgermeisterämter, Mitarbeitende von Standesämtern, der Staatsanwaltschaften, des Gesundheitswesens, von Nichtregierungsorganisationen und Mitgliedern des Roten Kreuzes. Zudem haben wir die Grabstätten verstorbener Migranten und Migrantinnen auf lokalen Friedhöfen besucht und fünf Ausschiffungen an unterschiedlichen Orten beobachtet.

Über das Gesetz hinaus: Der lokale Kontext und die Vielfalt informeller Praktiken

Unsere Untersuchung zeigt auf, dass die betreffenden Gesetze Phänomene wie Migration über den Seeweg oder Todesfälle an der Landesgrenze nicht explizit berücksichtigen und dass die Praktiken der lokalen Akteure und Akteurinnen reaktiv sind. Sie entstehen aus der Notsituation heraus. Weitere übergreifende Themen, die sich im Zusammenhang mit rechtlichen und praktischen Aspekten der Auffindung, Registrierung und Bestattung der Verstorbenen als besonders wichtig erweisen, sind der lokale Kontext (Ressourcen, Infrastruktur, kulturelle und religiöse Praktiken bei der Trauerarbeit und der Respektierung der Würde der Verstorbenen) sowie informelle Herangehensweisen der involvierten Akteure und Akteurinnen. Diese Aspekte sollten unseres Erachtens in künftigen Diskussionen über das weitere Vorgehen im Umgang mit verstorbenen Schutzsuchenden auf See berücksichtigt werden. Im Unterschied zum bisherigen Fokus auf europaweite Antworten wären regionale und lokale Lösungen zu bevorzugen.

Die Akteure und Akteurinnen vor Ort haben aus der Situation heraus Lösungen für die Herausforderungen in der Dokumentation und Bestattung der Verstorbenen entwickelt, die von einer Haltung der Solidarität zeugen und zuweilen sogar über gesetzlich vorgeschriebene Maßnahmen hinausgehen. Insbesondere zeigen sich die lokalen Behörden und Beamten und Beamtinnen bereit, Praktiken zu entwickeln und Regelungen umzusetzen, um den Familien Unterstützung anzubieten sowie (wenn möglich) für würdevolle Bestattungen der Verstorbenen zu sorgen. Dies geschieht trotz mangelnder Ressourcen – und obwohl sie mitunter von der Anzahl der Todesfälle überfordert sind und dadurch Fehler machen. Es ist bemerkenswert, dass die Haltung der lokalen Behörden im Kontrast zur Position der italienischen Regierung steht, die seit 2015 von populistischen Anti-Migrationsbestrebungen beeinflusst wird. Dies verdeutlicht, wie im Bereich Migrationspolitik die nationale und die lokale Ebene infolge unterschiedlicher Interessen und Ziele voneinander abgekoppelt werden.

Gegenwärtig widmen wir uns der Frage, wie die staatliche Verpflichtung, die Identität von auf See verstorbenen Schutzsuchenden zu ermitteln, umgesetzt wird. Dazu untersuchen wir

  • uneinheitliche Vorgehensweisen der lokalen Akteure wie Polizei, Staatsanwaltschaft und Ärzte und Ärztinnen der Sicherung von Spuren an den Toten und wie sie zur Identifizierung genutzt werden,
  • die Schwierigkeiten, die verfügbaren Daten der Verstorbenen mit Daten aus deren Lebzeiten abzugleichen – zumal sich die Angehörigen oft in einem anderen Land befinden oder keine Informationen zur Situation haben –,
  • und die erschwerte Auffindbarkeit von Daten, da es keine zentrale Datenbank für alle verfügbaren Informationen gibt, die bislang bei verschiedenen Stellen wie Polizei oder Staatsanwaltschaft gespeichert sind.

 Unsere Untersuchung befasst sich vorwiegend mit dem italienischen Kontext. Die komplexen Sachverhalte und Problemlagen sind für die anderen von den Auswirkungen der Migration über den Seeweg betroffen Anrainerstaaten des südlichen Mittelmeeres jedoch ebenso relevant.

Literaturhinweise

Bianchini, K.
Documentazione e Sepoltura dei Migranti Deceduti nel Mediterraneo: Legislazione e Prassi in Italia
Diritto, Immigrazione e Cittadinanza 3, 1-24 (2005)
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