Das Alumni-Interview: 10 Fragen an Faris Nasrallah
In loser Reihenfolge veröffentlichen wir an dieser Stelle Interviews mit Alumni des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung. Wir wollen wissen, wo sie leben und arbeiten, woran sie forschen und welche Rolle die Zeit am MPI für sie heute noch spielt. Und sie erzählen uns, welchen Rat sie ihren Studierenden mit auf den Weg geben und welches Buch sie in letzter Zeit beeindruckt hat.
Seit 1978 zeichnet die Max-Planck-Gesellschaft jedes Jahr bis zu 30 junge Wissenschaftler*innen für exzellente wissenschaftliche Leistungen, die sie im Zusammenhang mit ihrer Dissertation erbracht haben, mit der Otto-Hahn-Medaille aus. Die Medaille wird jeweils während der Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft im folgenden Jahr verliehen. Bei der MPG-Jahresversammlung 2026 in Frankfurt wurde Faris Nasrallah die Otto-Hahn-Medaille verliehen. Wir gratulierem ihm ganz herzlich zu dieser herausragenden Würdigung seiner Forschung.
1. Von wann bis wann waren Sie am MPI und was haben Sie hier gemacht?
Ich war zwischen 2018 und 2021 am MPI tätig. Meine Arbeit befasste sich mit dem Verhältnis zwischen Theorie und Praxis in der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit, wobei der Schwerpunkt insbesondere auf zwei Fallstudien lag: (1) die Entwicklung und der Wandel der Schiedsgerichtsbarkeit in Dubai sowie (2) der Anspruch und die Beantragung auf Kostenerstattung in der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit.
2. Wo sind Sie jetzt und was machen Sie dort?
Derzeit bin ich Leiter der Schiedsgerichtsabteilung bei Crescent Petroleum in Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ich bin als unabhängiger Schlichter in Ad-hoc-Schiedsverfahren tätig und stehe auf den Listen verschiedener internationaler Schiedsgerichtsinstitutionen. Außerdem habe ich für internationale Gerichte und Schiedsgerichte Gutachten zum Recht der Vereinigten Arabischen Emirate erstellt.
3. Wie sehr hat Ihre Tätigkeit am MPI Ihre jetzige berufliche Situation geprägt?
Die Zeit am MPI hat mir eine breitere Perspektive auf die Rechtspraxis, die beteiligten Akteure sowie die sozialen und kulturellen Aspekte ermöglicht, die in der Rechtspraxis und bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen. Durch meine Kolleginnen und Kollegen am MPI war ich eng in einen interdisziplinären Forschungskontext eingebunden. Vor diesem Hintergrund konnte ich ein tieferes Verständnis für die Bedeutung vergleichender Analysen und die sozialen Bedingungen rechtswissenschaftlicher Forschung entwickeln.
4. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an die Zeit am MPI zurückdenken?
Die intellektuelle und berufliche Unterstützung durch Professorin Foblets war und bleibt eine wichtige Erfahrung meiner Zeit am MPI. Sie förderte fantasievolle und offene Herangehensweisen an interdisziplinäre Methoden und Forschungskontexte, zeigte unerschütterliche Bereitschaft, kritische Fragen zu stellen und vorläufige Ergebnisse zu hinterfragen, blieb dabei aber stets den übergeordneten Forschungszielen verpflichtet. Professorin Foblets pflegt einen einzigartigen Führungsstil, der Mitgefühl, Vertrauen und Erwartungen miteinander verbindet.
5. Haben Sie noch Kontakt zum MPI und wenn ja, welchen und zu wem?
Ja, ich stehe weiterhin in Kontakt mit ehemaligen Kollegen am MPI in Halle, von denen viele inzwischen Freunde geworden sind.
6. Woran forschen Sie im Augenblick?
Meine laufende Forschung befasst sich weiterhin mit der Praxis der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit sowie dem Nutzen und Zweck internationaler Streitbeilegungsmechanismen, mit besonderem Schwerpunkt auf den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Schiedsgerichtsbarkeit in der arabischen Welt.
7. Was planen Sie in der Zukunft?
Ich möchte mich weiterhin wissenschaftlich mit Recht beschäftigen und parallel dazu als Jurist tätig sein, um besser zu verstehen, wie wir Systeme der internationalen Streitbeilegung konstruieren und darstellen können, insbesondere im Kontext des Globalen Südens.
8. Was kann die Ethnologie besser als andere Sozialwissenschaften?
Die reichhaltigen und vielfältigen Quellen der Ethnologie können Sozialwissenschaftlern aller Fachrichtungen unglaublich nützliche Erkenntnisse, Methoden und theoretische Werkzeuge zur Verfügung stellen, um etablierte Strukturen und Praktiken weiterzuentwickeln und besser zu verstehen. Die Ethnologie konzentriert sich auf soziale Institutionen und normative Praktiken, was neue Perspektiven auf oft isolierte Wissensbereiche und berufliche Praktiken eröffnen kann, insbesondere auf das Recht und Rechtsberufe.
9. Was würden Sie heutigen Studierenden der Ethnologie raten?
Zwar sind Reisen und kultureller Austausch von größter Bedeutung, aber Studierende der Ethnologie sollten den Forschungsfeldern vor ihrer Haustür besondere Aufmerksamkeit schenken – und vor allem den kulturellen Rahmenbedingungen, in denen sie selbst verwurzelt sind. Bislang war es üblich, dass Forscher*innen aus dem Globalen Norden sich auf postkoloniale Kontexte konzentrierten, während Forscher*innen aus dem Globalen Süden sich selbst untersuchten, wenn sie in die andere Richtung reisten. Wichtige und fruchtbare Arbeit kann und sollte abseits dieses sehr ausgetretenen Pfades geleistet werden.
10. Welcher Text – Buch oder Artikel – hat Sie in letzter Zeit beeindruckt?
Rabea Eghbariah, „Toward Nakba as a Legal Concept“, Columbia Law Review, Band 124, Mai 2024, Nr. 4, 887–992.
