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Hatem Elliesie
Hatem Elliesie
Research Fellow
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Hatem Elliesie

1. Scharia in genuin europäischen Settings: Konnex muslimischer Lebenspraxis zu islamischer Normativität

2. Konfliktregulierung in Deutschlands pluraler Gesellschaft (Conflict Regulation in Germany's Plural Society)

Scharia in genuin europäischen Settings: Konnex muslimischer Lebenspraxis zu islamischer Normativität (Habilitationsprojekt)

Religion beinhaltet für Gläubige eine ethische Sinnstiftungsfunktion, indem sie Vorstellungen von einem guten Leben und einer gerechten Gestaltung „ihrer“ Gesellschaft transportiert. Religionen haben also eine nicht zu vernachlässigende moralische Funktion. Das zentrale Kriterium dieser moralischen Funktion der Religion ist ihre Lebensdienlichkeit. Dem Leben dienlich sind Religionen demnach dann, wenn sie dem Menschen eine praktische Integration grundlegender Erfahrungen in seinen Lebensentwurf auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene (Handlungsweisen) ermöglichen. Dies trifft auch auf islamische Glaubensvorstellungen zu. Das Forschungsvorhaben knüpft daran an. Es setzt sich mit dem derzeitigen Verhältnis von islamischer Normativität und Lebenswirklichkeiten von Personen muslimischer Zugehörigkeit (Glaubensangehörige) außerhalb muslimischer Mehrheitsgesellschaften im europäischen Kontext auseinander. Sozialisierte Glaubensangehörige setzen ihre alltäglichen Handlungsweisen und die normativen Grundlagen ihrer religiösen Überzeugungen eigenständig neuartig in Beziehung.

Die zentralen Fragestellungen sind dabei, inwieweit Handlungsweisen von in Europa sozialisierten Muslim*innen (Lebenspraxen), am Beispiel Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens, selbst­identifikatorisch als schariakonform wahrgenommen, beschrieben und legitimiert werden. Die Schariakonformität steckt dabei thematisch den äußeren Rahmen (analytische Kategorie) des Forschungsvorhabens ab. Das was man unter Šarīʿa subsumiert ist allerdings nicht mit der Begrifflichkeit des „islamischen Rechts“ gleichzusetzen. Vielmehr subsumiert man darunter kultische, moralische und ethische Vorschriften. Im Lichte der ethisch-normativen Projektion des Alltagsislam wird die Religion als soziale Praxis verstanden. Diese soziale Praxis impliziert, dass sie Glaubensangehörigen bestimmte normative Orientierungen bereitstellt. Unter dem Blickwinkel dieser normativen Orientierung bewegen sich Akteure in Deutschland, Frankreich und Groß­britannien in jeweils spezifischen gesamtgesellschaftlichen und rechtskulturellen Rahmen. Dieser komparativ ausgelegten Untersuchung liegt daher die Hypothese zu Grunde, dass sich die unterschiedlich akzentuierten Re­ligionsverfassungsrechte der ausgewählten Länder im jeweils individuellen, islamisch motivierten ethischen Handlungsverständnis der Akteure widerspiegelt. Das vorherrschende, von Gelehrten dominierte Konzept eines übergreifenden „Euro-Islams“ oder des fiqh al-aqallīyāt al-muslima wird demgemäß in Frage gestellt.

Vielmehr soll das Forschungsvorhaben zu Tage fördern, inwieweit Vorstellungen von Lebenspraxen muslimischer Akteure in Europa Dynamiken eigener Art im und für das islamische Selbstverständnis in Europa auf den Weg gebracht haben. Im Ländervergleich wird thematisiert, was Glaubensangehörige für sich selbst als verantwortbare Praxis islamisch legitimierbar betrachten und damit als leitende religiöse Handlungsregeln qualifizieren. Hieraus sollen Rückschlüsse gezogen werden, inwieweit sich im europäischen Referenzrahmen neue Epistemologien und neue hermeneutische Ansätze der Koranauslegung feststellen und klassifizieren lassen. Die empirischen Befunde sollen dann im Spiegelbild islamwissenschaftlicher Erkenntnisse und Ansichten diskutiert werden.

Konfliktregulierung in Deutschlands pluraler Gesellschaft (Conflict Regulation in Germany's Plural Society)

Das Forschungsvorhaben wird sich mit dem Phänomen beschäftigten, welches im deutschen Kontext unter dem Begriff religiös geprägte Paralleljustiz diskutiert wird. Darunter will man gemeinhin Formen außergerichtlicher Streitbeilegung verstanden wissen, bei der rechtsstaatliche Standards missachtet, unterlaufen oder konterkariert werden. Dieses Begriffsverständnis von Paralleljustiz wird für die vorliegende Studie aber bewusst nicht verwendet. Es geht fehl, da es das Bestehen von bisher nicht belegten vergleichbaren gerichtsähnlichen Strukturen informeller Gerichtsbarkeit in Deutschland insinuiert und der Annahme unterliegt, dass es sich per se um ein konfliktträchtiges Gegenmodell zur ordentlichen Gerichtsbarkeit handelt. Das Forschungsvorhaben will hingegen den Diskurs neuartig befruchten, indem es diese Formen der Streitbeilegung als komplementäre „Justiz“ begriffen wissen will. Vor dem Hintergrund, dass wir uns bei dem anschwellenden Diskurs „empirisch im Halbschatten bewegen“, sind die vordeklinierten Prämissen des Schrifttums kritisch zu hinterfragen. Es gilt nämlich zu bedenken, dass die Debatte in den vergangenen Jahren vorwiegend durch Berichte von Journalisten und Einschätzungen von Justizpraktikern, weniger aber von unabhängigen Untersuchungen, wie jüngst von Rohe und Jaraba zu Berlin, bestimmt wurden. Das vielschichtige Phänomen ist folglich einer wissenschaftlich fundierten Überprüfung zuzuführen, die auch andere Sichtweisen zulässt, um den Diskurs mit neuen Impulsen anzureichern. Hierzu bedarf es hinsichtlich der Fokusgruppen wie auch der tangierten staatlichen Rechtsbereiche einer ausdifferenzierten Durchleuchtung:

  • Mit Mitteln der Empirie sollen in der Studie zunächst diese außergerichtlichen Streitbeilegungen auf ihre strafrechtliche Brisanz und auch auf ihre Bezüge zu familien- und eherechtlichen Regelungspraktiken hin untersucht werden.
  • Um der wesentlichen Frage nachzugehen, weshalb bestimmte Bevölkerungsgruppen in Deutsch­land in diesen Bereichen außergerichtliche Streitbeilegungsmechanismen nutzen, ist nicht nur der nahöstliche Ursprungskontext zu beleuchten, sondern auch das deutsche Setting zu berücksichtigen.

Die ethnographischen Befunde werden dann im Lichte normativer Legitimationsmuster mit den gegenwärtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen in der Bundesrepublik Deutschland in Beziehung gesetzt, verortet und bewertet. Erst dann lassen sich Rückschlüsse auf den möglichen Grad sozio-rechtlicher Konfliktträchtigkeit ziehen.

 
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