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Soledad Jímenez-Tovar
(Former PhD Candidate)

Centripetal Mirrors: Cultural conservation among Shaanxi Dungans in Kazakhstan

Anabel Alejandra Soledad Jiménez Tovar
Dissertation Thesis | Doktorarbeit
submitted at | eingereicht an der
Philosophischen Fakultät I, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg


Date of Defense | Tag der Verteidigung
15.07.2014

Supervisors | Gutachter
Prof. Dr. Günther Schlee
Prof. Dr. Peter Finke

German Summary

Die Dunganen sind eine ethnische Minderheit in Kasachstan, Kirgistan und Usbekistan. Sie sind chinesisch-sprechende (Sinophone) Muslime mit hauptsächlich zwei Dialekten: Gansu und Shaanxi. Die Dunganen waren an den Rebellionen der Muslime gegen die Qing beteiligt, die in den 1860er Jahren in den Provinzen Gansu, Shaanxi und Xinjiang stattfanden. Nach den Rebellionen siedelten die Dunganen in die Provinz Semirech'e im russischen Kaiserreich über. In Kasachstan leben die Dunganen in Zhalpaktobe (eine Stadt in der Nähe von Taraz), in Sortobe und Masanchi (in der Näche von Tokmok City, Kirgistan), sowie in Almaty. In Zentralasien teilen sich die Dunganen in zwei Hauptgruppen: die Gansu und die Shaanxi. Während die Gansu-Dunganen in Kirgistan überwiegen, stellen die Shaanxi-Dunganen in Kasachtan die Mehrheit der Dunganen. Die historischen und geopolitischen Veränderungen, die den Weg der Dunganen nach Zentralasien und ihre dortige Position als ethnische Minderheit bedingten, führten zu einer starken Fragmentierung der dunganischen Identität. Diese Identitätsfragmentierung ist das Thema meiner Dissertation.

Studien zu zentralasiatischen Dunganen tendieren im allgemeinen dazu, die Dunganen als lebende kulturelle "Fossilien" zu interpretieren. Diese Vorstellung der kulturellen Konservierung ist allerdings schwer aufrecht zu erhalten.

Den theoretischen Bezugsrahmen dieser Dissertation bildet das Konzept der (kulturellen) Hegemonie. Gramsci war der erste, der (kulturelle) Hegemonie als einen dominierenden Diskurs verstand, der von Intellektuellen in Abstimmung mit dem Staat hergestellt wird. Demnach ist Hegemonie auch ein ‗lived system of meaning and values –constitutive and constituting- which as they are experienced as practices appear as reciprocally confirming‘ (Williams 1989: 57). Ich denke, dass das Konzept der Hegemonie zur Analyse der "lebende Fossilien"-These besser geeignet ist als die Begriffe "Ethnizität" oder "Diaspora". Mein Argument ist, dass die Idee der dunganischen kulturellen Konservierung mit multiplen Hegemonien und ihren simultanen Effekten auf die Auffassungen von dunganischer Kultur zusammenhängt.

Im Fall der Dunganen wird der Einfluss von mindestens drei Hegemonien besonders deutlich. Die erste ist korenizatsiya, eine sowjetische Kampagne in den 1920er-1930er Jahren, durch die eine kulturelle Elite unter den Nicht-Russen geschaffen wurde. Korenizatsiya, gewöhnlich übersetzt als "Indigenisierung", implizierte die Einbeziehung von lokalen Kadern in der gesamten Sowjetunion und deren Alphabetisierung. Um letztere zu ermöglichen, wurden Schulen geschaffen, die regionale Sprachen als Unterrichtssprache nutzten. Damit einhergehend wurde die Erstellung von Lehrmaterialien und die Ausbildung von Lehrern, die an solchen Schulen unterrichten würden, gefördert. Zur Zeit der korenizatsiya-Kampagnen wurde auch das ethnische Mosaik der Sowjetunion auf eine inhärente Logik hin untersucht, die marxistische Ideen zur historischen Evolution bestätigen sollte. Korenizatsiya stand somit auch im Zusammenhang mit der ethnischen Klassifizierung in der Sowjetunion. Diese ethnische Klassifikation hat bis heute in allen früheren Sowjetrepubliken Gültigkeit. Sowjetische Theorien zu Ethnizität "fixierten" die multiplen Ethnizitäten in der Sowjetunion zu einem gewissen Grad und reduzierten sie auf einige wenige kulturelle Charakteristika. Indem die sowjetische Kultur-Rhetorik eine Art multikulturelle Koexistenz betonte, verfolgte sie das langfristige Ziel einer schrittweisen Assimilation aller Völker in den sowjetischen Gebieten bis hin zu dem Punkt, an dem sie dazu bereit wären, als "Sowjetbürger" (sovetskiĭ narod) die "nationale Stufe" zu überwinden und in Richtung Kommunismus zu gehen. Mittlerweile ist dieser Gedanke nicht mehr Teil der offiziellen Rhetorik in den ehemaligen Sowjetrepubliken.

Die zweite Hegemonie ist das Chinesisch-Sein. Die Frage, was "China" ausmacht, wird seit langem diskutiert. In dieser Dissertation folge ich Allen Chuns (1996) Unterscheidung zwischen verschiedenen begrifflichen Deutungen der Begriffe "China", "chinesisch", und "Sinisierung" (oder der Prozess des Chinesisch-Werdens): der kulturalistischen, der ethnischen, und der identitätsbezogenen Interpretation. "Chinesisch-Sein" im kulturalistischen Sinn geht über jede ethische Zuordnung hinaus und entwickelt sich auf der Basis kultureller Eigenschaften, die denjenigen Menschen historisch gemeinsam sind, deren Herkunft im heutigen chinesischen Staatsgebiet liegt. Die ethnische Bedeutung von "chinesisch" steht dagegen im Zusammenhang mit der Staatenbildung, die im Qing-China des späten 19. Jahrhunderts und der Republik China des frühen 20. Jahrhunderts Gestalt anzunehmen begann. Als ethnische Bezeichnung wird "chinesisch" meist als Synonym für die Han verwendet, die in der heutigen Volksrepublik China die Mehrheitsbevölkerung stellen. Drittens wird "chinesisch" als Identitätsbezeichnung benutzt. Als Identität kann "chinesisch" entweder im kulturalistischen Sinne verstanden werden, oder auf die ethnische Zuordnung innerhalb der multiplen ethnischen Klassifikation bezogen sein, oder in Zusammenhang stehen mit der geographischen Diskussion dessen, was als "China" gelten soll. Ich behaupte, dass diese Unterscheidungen für ein Verständnis der Art und Weise des Chinesisch-Seins der Dunganen nützlich ist, da letztere sich nicht auf ein Chinesisch-Sein im ethnischen Sinne berufen können. Die Tatsache, dass zumeist kulturelle Eigenschaften als Beweis für dunganisches Chinesisch-Sein angeführt werden, weist auf eine Begriffsdeutung im kulturalistischen Sinne hin. Im Hinblick auf Identität ist ein solches Chinesisch-Sein jedoch problematisch, da die dunganische Kultur auch ein Gemisch ist, das nicht nur in Zusammenhang mit China, sondern auch mit Zentralasien steht.

Die dritte Hegemonie ist der kasachische Nationalismus nach 1991. Auch wenn dieser in Zusammenhang mit der sowjetischen Vergangenheit steht, würde ich nicht behaupten, dass er der gleiche ist. Im gegenwärtigen Kasachstan gibt es zwei Arten von Nationalismus. Dies ist zum einen der Nationalismus der ethnischen Kasachen, der, ausgehend von dem Anspruch der ethnischen Kasachen auf vorrangige Indigenität in Kasachstan, das Kasachisch-Sein des Landes betont und ethnischen Kasachen bestimmte Privilegien einräumt. Diese Art von Nationalismus, der die Vorrangstellung der Kasachen in bestimmten Kontexten betont (zum Beispiel das Recht, an der Verwaltung teilzunehmen, oder bei der Arbeitssuche bevorzugt zu werden), bezeichne ich in dieser Dissertation als "Kasachisierung". Andererseits gestaltet es sich in Anbetracht der großen ethnischen Vielfalt in Kasachstan als sehr schwierig, ein Land nur für Kasachen zu formen. Eben diese Vielfalt ermöglichst zugleich auch die zweite Art von Nationalismus, den ich "Kasachstanisierung" nenne. Manche Autoren, z.B. Davenel (2012) verstehen "Kasachstanisierung" als Ergebnis eines bürgerlichen Nationalismus. Ich behaupte allerdings, dass der Kasachstanisierungs-Nationalismus auch ethnisch ist in dem Sinne, dass er die "Kasachisierung" ergänzt. Als Nachfolger des Sowjet-Nationalismus ist die Kasachstanisierung ein Weg, die politischen Eliten der ethnischen Minderheiten in Lande zu kooptieren, und zwar durch Institutionen wie die Volksversammlung von Kasachstan, die bis Mitte der 1990er Jahre Völkerversammlung von Kasachstan genannt wurde.

In dieser Arbeit soll dunganische Identität somit als eine Konstruktion verstanden werden, die im Rahmen der drei oben beschriebenen Hegemonien produziert wird. Bei der Analyse "von unten" kommen jedoch verschiedene Nuancen solcher Hegemonien zum Vorschein. Letztere werden im lokalen Alltagsgeschehen zudem unterschiedlich ausgeübt.

Die analytische Logik beim Verfassen der Ethnographie gründet darauf, dass die Verhaltensweisen der Shaanxi Dunganen von unterschiedlichen Akteuren und den von ihnen repräsentierten Hegemonien geprägt werden. Ich bezeichne diese Art der sozialen Kontrolle in den alltäglichen Verhaltensweisen der Dunganen als "Spiegel". Im Fall der Dunganen sind diese Spiegel zentripetal, da der Bezugspunkt für gutes oder schlechtes Dunganisch-Sein normalerweise das Individuum ist. Dieser Logik folgend habe ich diese Arbeit in drei "Spiegel" unterteilt, die ich nachstehend beschreibe.

Im ersten Spiegel setze ich ein Verständnis von Geschichte als Instrument der Identitätsbildung voraus (Jacquesson & Bellér-Hann 2012). Deshalb vergleiche in Kapitel 2 drei Versionen der dunganischen Ethnogenese. Die erste Version ist "des Kaisers Traum", demzufolge die Dunganen von den ersten muslimischen Einwanderern nach Tang-China abstammen, die sich dort chinesische Frauen nahmen. Die zweite Version behauptet, dass die ersten Dunganen chinesisch sprechende Muslime waren, die nach den muslimischen Rebellionen gegen die Qing in den 1860er Jahren im russischen Kaiserreich ankamen. Die dritte Version geht davon aus, dass die Dunganen als ethnische Gruppe ein Produkt der sowjetischen korenizatsiya sind. Während die beiden ersten Versionen sowohl in akademischen Kreisen als auch in der allgemeinen Bevölkerung populär sind, schlage ich eine dritte Version vor. Ich behaupte, dass diese verschiedenen Ansichten zur dunganischen Ethnogenese in Zusammenhang stehen mit dem "Öffnen" oder "Schließen" von Wegen der Inklusion in eine weiter oder enger gefasste kollektive Identität.

In Kapitel 3 gebe ich einen Überblick über die multiplen Hegemonien, die an der Herausbildung der dunganischen Identität beteiligt sind: Qing-China, das russische Kaiserreich, die Sowjetunion und die Volksrepublik China. Im ersten Teil des Kapitels analysiere ich, wie jedes dieser Regime die kulturelle Vielfalt in seinem Territorium verwaltete. Der zweite Teil des Kapitels gibt einen Überblick über die Ethnonyme, die als Bezeichnung für die Dunganen verwendet werden. Ich behaupte, dass der Prozess einer solchen ethnischen Namensgebung viel über die Einbettung der Dunganen in größere Geschichts- und Staatsnarrative aussagt. Letztere sollten daher in die Analyse miteinbezogen werden statt lediglich eine Liste von Ethnonymen zu erstellen und diese als Synonyme zu betrachten.

Der zweite "Spiegel" setzt sich mit Sprachideologien auseinander, die auch die dunganische Sprache betreffen. Im vierten Kapitel betrachte ich die Sprachenpolitik als ein Prisma, durch das die kasachischen nationalistischen Diskurse nach 1991 analysiert werden können. Die Nationalstaatenbildung im gegenwärtigen Kasachstan steht in enger Beziehung zur demographischen Entwicklung. Die politische Führungsschicht stand vor der Herausforderung, die Zusammensetzung der Mehrheitsbevölkerung zu verändern, von einer Russisch-orientierten Bevölkerung hin zu einer, in der das kasachische Volk die Hauptrolle spielt. An diese demographischen Veränderungen sollten sich die ethnischen Minderheiten in Kasachstan anpassen. Im Hinblick auf die Sprachenpolitik hat die Umgestaltung der Mehrheit im gegenwärtigen Kasachstan eine unmittelbare Auswirkung. Dunganische Kinder müssen in der Schule nun vier Sprachen lernen: russisch, kasachisch, englisch und Gansu-dunganisch. Letzteres ist allerdings nicht die Muttersprache der Shaanxi-Dunganen.

Im Kapitel 5 konzentriere ich mich auf die Politik rund um die Standardisierung der chinesischen Sprache im zwanzigsten Jahrhundert. Bei Ausführungen zu diesem Thema ist das Alphabet der dunganischen Sprache besonders wichtig. Die dunganische Sprache ist höchstwahrscheinlich die einige sinitische Sprache, die mit einem Alphabet (dem kyrillischen) geschrieben wird anstelle der chinesischen Schriftzeichen. Dies ist möglicherweise der Hauptgrund dafür, dass sich die große Mehrheit der Studien über die Dunganen auf das Thema Sprache konzentriert. Ein anderes Thema, mit dem ich mich in diesem Kapitel auseinandersetze, ist die Beziehung zwischen den beiden Hauptdialekten der dunganischen Sprache, nämlich der Sprache der Gansu und der Shaanxi. Während der korenizatsiya-Kampagnen wurde das Gansu-Dunganisch zur offiziellen Schriftsprache. Demzufolge wurden die Gansu-Dunganen, die während der Sowjet-Periode zur intellektuellen Führungsschicht aufstiegen, den Shaanxi-Dunganen intellektuell "übergeordnet". Dies änderte sich jedoch nach der Unabhängigkeit. Während der vergangenen 15 Jahre übernahmen die Shaanxi-Dunganen die ökonomische Führungsrolle unter den zentralasiatischen Dunganen, weshalb die intellektuelle Vormachtstellung der Gansu heute nicht mehr anerkannt wird. Daher befassen sich die Shaanxi-Dunganen eingehend mit der Möglichkeit, pŭtōnghuà – die offizielle Amtssprache der Volksrepublik China – zu lernen, sowie mit der Möglichkeit, ihre eigene Sprache mit Hilfe des dunganischen Alphabets zu verschriftlichen.

Im dritten und letzten "Spiegel" nehme ich die materielle Kultur als Ausgangspunkt der Analyse bestimmter sozialer Beziehungen. Im Kapitel 6 thematisiere ich die Interpretationen des Islams bei den Shaanxi-Dunganen. Die Diskussion der Islam-Interpretationen verbinde ich mit der Diskussion von Essensgebräuchen, genauer gesagt mit dem Einfluss der Islam-Interpretationen auf die Erhaltung jener kulturellen Besonderheit, von der angenommen wird, dass sie das dunganische Chinesisch-Sein am deutlichsten verkörpert – nämlich die Verwendung von Essstäbchen. Eine dieser Interpretationsschulen, die lojio, setzt sich für die Erhaltung jener Traditionen ein, die von den Dunganen im Verlauf der Migration aus China mitgebracht wurden. Die andere Schule, xinjio, priorisiert Reinheit in der Ritualdurchführung, auch wenn dies bedeutet, dass einige Traditionen dabei ignoriert werden. Während lojio das dunganische Chinesisch-Sein verteidigt, erachtet xinjio es eher als zweitrangig, ohne es gezielt zu attackieren.

Kapitel 7 behandelt zwei Themen: Erstens die Beziehung zwischen Geschlecht und emischen Auffassungen von Kulturerhaltung bei den Dunganen, und zweitens, inwiefern weibliche Kleidung dunganisches Chinesisch-Sein einerseits und rituelle Angemessenheit andererseits verkörpert. Weibliche Kleidung ist besonders wichtig, da sie zuallererst als ein ethnisches Charakteristikum betrachtet wird, das für Chinesisch- Sein steht. Das dunganische Hochzeitsgewand der Frauen muss daher die gleichen Muster aufweisen wie das im Qing-China übliche Gewand. Jedoch haben die Islam-Interpretationen der Dunganen ebenfalls Einfluss auf die Erhaltung oder Veränderung solcher Gewänder. In diesem Kapitel untersuche ich daher den Platz der Frauen in der dunganischen Gesellschaft und wie sich diesbezügliche Vorstellungen in den gegenwärtigen komplexen Kleidungsregeln widerspiegeln.

Im letzten Kapitel der Arbeit behandele ich die Veränderungen und Kontinuitäten in den Vorlieben der Dunganen bezüglich der seit 1991 in Sortobe und Masanchi verbreiteten Baustile. Ich analysiere diese Veränderungen anhand der Verwendung des kaŋ, eines Heizsystems, das in China, Korea und Zentralasien verwendet wird. Der kaŋ ist eines jener Elemente, mittels derer Chinesisch-Sein behauptet wird. Meiner Ansicht nach ist der kaŋ ein Beispiel für das simultane Zusammenspiel verschiedener Hegemonien im dunganischen Alltagsleben. Diese Hegemonien verkörpern somit miteinander konkurrierende Sichtweisen von Authentizität. Einerseits behaupten einige Dunganen, dass der kaŋ nur noch von den Dunganen in Zentralasien als Heizsystem verwendet wird, während er in China nicht mehr zu finden ist. Andererseits gibt es in der ehemaligen Sowjetunion einen neuen Trend in den Wohnvorlieben. Dieser Trend ist als evroremont bekannt, was bedeutet, dass die Baumaterialien und –stile europäischem Standard folgen. Evroremont benötigt den kaŋ nicht mehr. Heutzutage hat die Erhaltung oder Abschaffung des kaŋ vielmehr mit neuen Sichtweisen von Authentizität zu tun, die – statt andere Authentizitäten zu verdrängen – einem komplexen Kaleidoskop von gemischten Baustilen Raum geben.

 
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