Of strangers and secrets: continuity and change in the articulation of belonging in contemporary Liberia

by Maarten Bedert submitted at the Philosophische Fakultät I, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Date of Defense
08.11.2016

Supervisors
Prof. Dr. Jacqueline Knörr
Prof. Dr. Wilson Trajano Filho

German Summary

Die vorliegende Arbeit untersucht die Kontinuitäten und Veränderungen der Artikulationsformen von Zugehörigkeit unter den Dan, einer kleinen ethnischen Gruppe in der nordöstlichen Grenzregion Liberias. Zugehörigkeit bezeichnet hier die emotionale Bindung an eine bestimmte Lokalität oder Gruppe, und deren Artikulationsweise vor dem Hintergrund des liberianischen Bürgerkrieges (1989–2003). Während meist davon ausgegangen wird, dass Krisen wie Kriege zu intensiviertem sozialen Wandel und zur Rekonfiguration der Abgrenzung zwischen ‚Insidern‘ und ‚Outsidern‘ führen, fokussiere ich auf die Resilienz der Artikulationsweise von Zugehörigkeit. Zugehörigkeit wird erforscht, indem sowohl die Reziprozitätsbeziehung zwischen den sozialen Kategorien Landlord und Stranger, als auch die institutionalisierte Kultur der Geheimhaltung als Objekt der Analyse gewählt werden. Beide sind wichtige strukturelle Dimensionen sozialer Beziehungen und lokaler Strategien der Integration. Der ethnographische Schwerpunkt meiner Untersuchung ist der kontextbedingte Wissenstransfer als eine Form komplexer sozialer Reproduktionsprozesse. Im Vordergrund steht die Bedeutung individueller und kollektiver Erfahrungen, wie diese mittels kommunikativer Praktiken artikuliert werden, und auf welche Weise sie vorgestellte oder geteilte Zugehörigkeitsformen begründen und verändern.

Die Feldforschung fand über einen Zeitraum von insgesamt 17 Monaten zwischen Juli 2011 und Juli 2013 statt. Hauptforschungsort war die Stadt Karnplay nahe der Grenze zu Côte d’Ivoire und Guinea. Weitere Feldforschungsorte waren Dörfer im Gbelay-Geh Statutory District, dessen Hauptstadt Karnplay ist. Im Rahmen der Analyse wird der Distrikt weniger als politisch-geographische Einheit betrachtet, sondern als Schauplatz von Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt.

Vor der Ankunft der Ameriko-Liberianer, einer Gruppe befreiter ehemaliger Sklaven aus den USA, die 1847 den liberianischen Staat gründeten, war politische Autorität unter den Dan auf die erweiterte Familie oder den Klan begrenzt. Auch wenn die Dan als Gesellschaft ohne staatliche Strukturen betrachtet wurden (Horton 1971), waren es Dan, die das Gebiet kontrollierten. Durch die häufigen kriegerischen Auseinandersetzungen der Dan mit benachbarten Gruppen, mieden die Mandingo-Händler, Angehörige der über ganz Westafrika verbreiteten größten ethnischen Gruppe, das Territorium der Dan. Ihre Handelsrouten zur Küste umgingen das Dan-Gebiet weitestgehend. Auch nach der Staatsgründung Liberias wurde effektive staatliche Kontrolle des Gebietes durch die ameriko-liberianische Elite erst im frühen 20. Jahrhundert durchgesetzt (Ford 1990).

Im Zuge der Konfrontation mit Ameriko-Liberianern und Mandingo-Händlern während der letzten einhundert Jahre hat sich die soziale und politische Ordnung der Dan maßgeblich verändert. Grenzen zwischen Inklusion und Exklusion wurden infolge von Konfliktsituationen oftmals neu gezogen. Der letzte Bürgerkrieg (1989–2003) ist ein solch entscheidendes Ereignis der jüngeren Geschichte, in dessen Zusammenhang Veränderungen stattfanden, obwohl die Kriegshandlungen das Gebiet schon Anfang der neunziger Jahren erreichten und sich schnell in Richtung Monrovia verlagerten.

Im Nachgang des Bürgerkrieges erlangten die Neuverhandlung von Identitäten und Fragen lokaler und nationaler (Re-)Integration große Bedeutung sowohl für die lokale Bevölkerung als auch in der wissenschaftlichen Diskussion. In der vorliegenden Arbeit werden beide Perspektive auf diese Themen untersucht. Es wird gezeigt, dass die existierenden sozialen Beziehungen trotz des Krieges bestehen blieben. Insbesondere werden die Resilienz der Landlord-Stranger-Reziprozität und die Kultur der Geheimhaltung als Dimensionen sozialer Beziehungen betrachtet, durch die Zugehörigkeit artikuliert und Alterität geregelt werden. Beides sind lokale Integrationsmechanismen, die die lokale Konzeptualisierung von Gemeinschaft begründen. Während diese grundlegenden Dimensionen sozialer Beziehungen in der jüngeren Vergangenheit oft mit Blick auf ihren Einfluss bei der Schaffung und Reproduktion sozialer Unterschiede und Distanz untersucht wurden, fokussiere ich auf deren integratives Potential, indem ich Reziprozität, gegenseitige Anerkennung und Austausch in Form von Wissenstransfer näher beleuchte.

Landlord-Stranger-Reziprozität und Geheimhaltung

Landlords werden lokal als die ersten, ursprünglichen Siedler eines Gebietes verstanden, während sich Strangers erst zu einem späteren Zeitpunkt dort ansiedeln. Die Beziehung zwischen beiden Gruppen ist durch eine institutionalisierte Reziprozität charakterisiert, die in ihrer grundlegendsten Form vom Landlord erwartet, Strangers zu empfangen und zu schützen, während im Gegenzug von den Stranger Loyalität und Respekt erwartet werden. Landlords werden als die Herrscher über das Land angesehen, und sie leiten ihre politische und rituelle Autorität von dieser Position ab (cf. Knörr und Trajano Filho 2010; Dorjahn und Fyfe 1962; Rodney 1980; Mouser 1980).

In emischen Begriffen wird die Unterscheidung zwischen Landlord und Stranger vor allem durch die beiden Komponenten Verwandtschaft und Territorium artikuliert (cf. Højbjerg 1999; Murphy and Bledsoe 1987; Sarro 2010; Knörr und Trajano Filho 2010). Jeder Ort verfügt über einen sogenannten alten Ortsteil (kpanaa), in dem die ursprünglichen Einwohner leben. Zudem ist jeder Ort in Viertel (günlay) aufgeteilt, welche die Abgrenzung gegenüber später angekommenen Gruppen und deren zugewiesenen Siedlungsbereichen markieren. Im Hinblick auf Verwandtschaft drückt sich die Landlord-Stranger-Reziprozität unter den Dan primär durch die Differenzierung zwischen Brautgebern (Landlords) und Brautnehmern (Strangers) aus. Verschiedene, damit verbundene Verwandtschaftsbegriffe (z.B. ziɛ [Schwieger-], bɛa [Cousin]) können eine tatsächliche Verwandtschaftsbeziehung beschreiben oder metaphorisch für die Beziehungen ethnischer Gruppen stehen (Højbjerg 1999; McGovern 2012a).

Geheimhaltung bildet die Grenze zwischen dem, das bekannt ist, und jenem, das verborgen ist. Diese Abgrenzung wird aufrechterhalten und reproduziert, um zwischen in die Geheimbünde und deren Geheimnisse eingeweihte und nicht-eingeweihte Personen zu differenzieren. Geheimhaltung ist vieldeutig und oft mit potentiellen Gefahren verbunden (Murphy 1981). Obwohl die Kultur der Geheimhaltung alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt, liegt der Schwerpunkt ihrer Erforschung meist auf Geheimgesellschaften, in denen Geheimhaltung ihren institutionellen Ausdruck findet.

Geheimgesellschaften sind soziale Institutionen, in denen medizinisches Wissen organisiert wird, das in Ritualen und Heilpraktiken Anwendung erfährt. Oftmals wird diese Medizin als mit spirituellen Kräften durchsetzt betrachtet. Mitgliedschaft in Geheimgesellschaften wird durch die Teilnahme an einer Initiationszeremonie erlangt. Die Existenz der Geheimgesellschaften an sich ist oft kein Geheimnis. Geheimhaltung gilt jedoch bezüglich des Ursprungs und der Anwendung der Medizin, die in den Initiationszeremonien weitergegeben wird. Die Dan bezeichnen diese Medizin als bëlɛ. Die mit bëlɛ agierenden Geheimgesellschaften werden in gute und schlechte Gesellschaften unterschieden, da jeder guten Medizin (bëlɛsë) eine schlechte Medizin (bëlɛyaa) entspricht. Mitglieder schlechter Gesellschaften oder solche Personen, die Medizin für schädliche Zwecke nutzen, werden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Bisher wurden diese Organisationen entweder auf den Inhalt ihrer Geheimnisse hin untersucht, oder auf die Art und Weise, wie sie Geheimnisse kommunizieren (vgl. Bellman 1984; Murphy 1980). Mit der vorliegenden Arbeit soll gezeigt werden, dass sowohl die tatsächlichen Geheimnisse als auch die Kommunikation über diese Geheimnisse von Bedeutung sind, um den Einfluss von Geheimhaltung auf die Reproduktion sozialer und moralischer Normen zu verstehen.

Theoretischer Rahmen

Ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit wird oftmals durch Krisensituationen und Umbruchsereignissen ausgelöst, da diese Unsicherheit und Zweifel mit sich bringen. Die (verstärkte) Unterscheidung zwischen Insider und Outsider ist eine Reaktion auf solche Krisen. Zugehörigkeit und Krisen als derart miteinander verbunden zu betrachten, stellt einen instrumentalistischen Ansatz der Landlord-Stranger-Reziprozität und Geheimhaltung als Dimensionen sozialer Beziehungen dar. Dabei steht die Anpassung als Antwort auf äußere Einflüsse – wie Liberalisierung, Demokratisierung oder Modernität – im Allgemeinen im Vordergrund (vgl. Englund und Leach 2000). Diese Betrachtungsweise erklärt jedoch nicht hinreichend die empirisch auffällige Resilienz der Art und Weise, mittels derer Zugehörigkeit ausgedrückt wird. Mein konzeptioneller Fokus auf Kontinuität impliziert hierbei nicht die Verneinung von Wandel. Reflexivität und Veränderung sind vielmehr inhärente Bestandteile der Bedeutungsentwicklung sozialer Positionen wie Landlord und Stranger (Højbjerg 2002b, 2007). In meiner Arbeit zeige ich eine Alternative auf, die die individuellen und kollektiven Erfahrungen in Momenten des Wissenstransfers beleuchtet. Dieses Augenmerk auf den Wissenstransfer, auf die Art und Weise, in der Wissen bei der Weitergabe zwischen Generationen artikuliert wird, erlaubt die Betrachtung der Reproduktion bestimmter sozialer Beziehungen.

Der Fokus auf Performanz und Performativität bietet eine besonders vielversprechende methodologische Möglichkeit, Transferprozesse möglichst erkenntnisreich zu untersuchen. Diesem Ansatz wurde methodisch Rechnung getragen, indem bei solchen öffentlichen Ereignissen, Ritualen und anderen Gelegenheiten Daten erhoben wurden, anlässlich derer regelmäßig und explizit auf Landlord-Stranger-Reziprozität und Geheimhaltung Bezug genommen wurde. In diesem Kontext erweisen sich dramaturgische Metaphern der Performanztheorie als hilfreich. Turner (1967, 1969) und Goffman (1974) betonen die Bedeutung der von Akteuren gezeigten Handlung und Agency. Wie Tambiah (1985) betonen sie das kreative Potential sozialer Handlungen in der Konstitution performativer Elemente von Ritualen (vgl. Austin 1962; Le Page and Tabourett-Keller 1985).

Die vorliegende Arbeit orientiert sich insbesondere an Johannes Fabian (1990: 13), der Performanz als eine Form sozialer Handlung versteht, die mehr darstellt als eine Repräsentation sozialer Strukturen, und deren kreativen Aspekt er betont. Laut Fabian (ibid.) suchten Wissenschaftler bisher nach bereits vorhandenen Skripten und monosemischen Verbindungen zwischen Gesellschaft und Performanz. Sein Ansatz fordert hingegen dazu auf, insbesondere jene Stimmen und Versionen performativer Handlung zu beachten, die vorherrschende Diskurse anfechten, untergraben oder verbergen. So lassen sich soziale Akteure in ihren Machtverhältnissen zueinander und in ihrer Situierung innerhalb der Gesellschaft allgemein untersuchen (ibid: 16–17; Arnaut 2013: 81–82). Ein performativer Ansatz, wie der in dieser Arbeit gewählte, ermöglicht die Betrachtung sozialer Positionen wie Landlord oder Stranger und der Bedeutung von Geheimhaltung bei Wissenstransfers als „situiert“ (Lave and Wenger 2006). Dabei wird die Tatsache berücksichtigt, dass die den
sozialen Beziehungen zugeschriebenen Bedeutungen Entwicklung und Wandel unterliegen.

An diesen Ansatz anknüpfend, zeigt die vorliegende Arbeit, dass Landlord-Stranger- Reziprozitätsbeziehungen weniger eine soziale Konstruktion des Anderen darstellen, sondern vielmehr ein Mittel sind, mit Alterität umzugehen (Menard 2015). Gleichermaßen ist Geheimhaltung nicht nur ein Mechanismus, durch den soziale Kontrolle ausgeübt und Moralität durchgesetzt wird. Geheimhaltung bietet als eine Dimension sozialer Beziehungen auch Raum für die Verhandlung von Werten und Integration.

Überblick und Ergebnisse

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile mit jeweils drei ethnographischen Kapiteln. Entsprechend betitelt befassen sich die Kapitel mit Aspekten der Landlord-Stranger- Reziprozitätsbeziehungen bzw. im zweiten Teil damit, wie Geheimhaltung in Geheimgesellschaften institutionalisiert wird.

Teil Eins: Von Strangern …

Mit dem Fokus auf Landlord-Stranger-Beziehungen untersucht Teil Eins die auf der Verwendung von (metaphorischen) Verwandtschaftsbegriffen und Gebietsansprüchen basierenden Inklusions- und Exklusionsdynamiken auf drei unterschiedlichen analytischen Ebenen: der intra-ethnischen, inter-ethnischen und nationalstaatlichen Ebene. Der Umgang mit Alterität folgt auf allen drei Ebenen ähnlichen Mustern, allerdings werden sie im lokalen Kontext unterschiedlich artikuliert.

Kapitel Zwei untersucht die Reproduktion der Differenzierung zwischen Landlord und Stranger anhand von Siedlungsnarrativen, öffentlichen Feierlichkeiten und Ritualen. Neben dem alltäglichen Austausch stellen Rituale die wichtigste Interaktionsebene dar, auf der die Positionen Landlord und Stranger verhandelt werden, und auf der ihnen Bedeutung verliehen wird. Eine eng gefasste politische Interpretation der Beziehungen, die vorwiegend auf die politische Legitimierung der Landlords konzentriert ist, wird kritisch bewertet, da sie die Bedeutung des Austauschs zwischen beiden Gruppen ignoriert. Die detaillierte Analyse der Performanz und Rezeption von Siedlungsnarrativen zeigt, dass der Schwerpunkt dabei mehr auf Wiedererkennung und Verbundenheit als auf Exklusion liegt. Die Beteiligung an der Performanz wird zu einer Integrationsmöglichkeit in eine Gemeinschaft, auch für einen Stranger. Individuelle oder gemeinschaftliche Verbindungen aus der Vergangenheit bilden die Grundlage für den Vertrauensaufbau, für wirtschaftlichen Austausch und für den Ausdruck politischer Loyalität. Ein lediglich auf Hierarchie und Differenzierung fokussiertes Modell sollte um einen Verweis auf die Bedeutung von Reziprozität und Inklusion ergänzt werden.

Kapitel Drei erforscht, wie Landlord-Stranger-Beziehungen im Rahmen interethnischer Beziehungen artikuliert werden. Seit dem Ende des liberianischen Bürgerkrieges wurden interethnische Spannungen und Konflikte oftmals auf konkurrierende Autochthonieansprüche zurückgeführt. Das Kapitel behandelt die Beziehung zwischen den Dan, die sich als autochthone Bevölkerung in der Region betrachten, und den Mandingo, die gemäß derselben Betrachtungsweise als „Stranger aus Guinea“ angesehen werden. Ohne einen
konkurrierenden Autochthonieanspruch zu stellen, zeigen die historischen Narrative der Mandingo eine abweichende geschichtliche Darstellung, in der der Status eines Firstcomer (oder Landlord) von geringerer Bedeutung ist. Im Vordergrund stehen im Selbstbild hier viel mehr die Rolle des Islam, des Handels und ihrer weitreichenden sozialen Netzwerke. Die Mandingo gründen ihr Recht auf Staatsbürgerschaft auf ihre Mitwirkung bei der Entwicklung des liberianischen Nationalstaates, sodass ihre spätere Ansiedlung in dem Gebiet aus ihrer Sicht keine Bedeutung zukommt. Aufgrund dieser abweichenden geschichtlichen Darstellungsweise sind sie in der Lage, ihre Position als Stranger anzunehmen. Im Gegensatz zum starken Exklusionscharakter autochthoner Diskurse beschreiben die Narrative der Kriegserfahrungen das gemeinsame Leid, das beide Gruppen durch das Einwirken anderer Gruppen erdulden mussten. Landlord-Stranger-Reziprozität wird somit als Mittel zum Umgang mit Alterität anstatt zur Generierung von Differenzen wahrgenommen und praktiziert. Sie dient als Gegenstück zu Autochthonie-basierten Diskursen.

In Kapitel Vier wird die Differenzierung zwischen kwii (Zivilisation) und country (Brauchtum) besprochen. Die aktuelle Verwendung der beiden Begriffe hat sich aus einem spezifischen, historischen Differenzierungsprozess entwickelt. Die selbstgewählte Abgrenzung der Ameriko-Liberianer fand Ausdruck in ihrem Motto „Zivilisation und Christentum“, das sie mit der Staatsgründung auch ins Innere des Landes trugen. Jene ehemaligen Sklaven, wurden von der Bevölkerung im Inneren des Landes als Stranger betrachtet. Kwii verlor mit der Zeit die exklusive Assoziation mit den Ameriko-Liberianern und entwickelte sich zu einem semiotischen Register, das durch eine moderne Lebensweise mit „westlichem“ Kleidungsstil, fremden Ernährungsgewohnheiten, christlicher Religion, formaler Erwerbstätigkeit und englischer Sprache gekennzeichnet ist. Im Gegensatz dazu steht das semiotische Register country für Authentizität, Lokalität und Tradition. Anhand ausgewählter öffentlicher Feierlichkeiten beschreibe ich, wie Akteure diese verschiedenen Register nutzen, um entweder ihre Zugehörigkeit zu der modernen, nationalen Elite oder mittels Verwandtschaftsbeziehungen, Ritualen oder Autochthonieansprüchen zum „Traditionellen“ zu artikulieren. Lokale Autoritäten, besonders jene, die mit sowohl traditionellen als auch offiziellen Institutionen assoziierte soziale Positionen innehaben, besitzen die Möglichkeit, beide Register zu nutzen. Beide Register schließen sich jedoch nicht gegenseitig aus, sondern können in einer Person vereint sein. Ähnlich der reziproken Beziehung zwischen Landlord und Stranger sind kwii und country einander konstituierende und flexible Register.

Teil Zwei: … und Geheimhaltung

Der zweite Teil der Arbeit befasst sich anhand der Analyse von Geheimgesellschaftsmitgliedern und ihrer Aktivitäten damit, wie Zugehörigkeit in Relation zu Moralität und der Reproduktion einer „guten“ Gesellschaft artikuliert wird. In Westafrika werden Geheimgesellschaften meist als institutioneller Schutz einer bestimmten,
konservativen Moralordnung dargestellt. Die folgenden Kapitel legen jedoch dar, wie diffus Moralität konstituiert und reproduziert wird.

Kapitel Fünf bietet eine detaillierte Beschreibung und Analyse von Geheimhaltung und Geheimgesellschaften als sozialen, auf einer bestimmten Medizin (bëlɛ) basierenden Institution. Beschrieben wird die lokale Differenzierung zwischen sogenannten „neuen“, als böse und schädlich charakterisierten Geheimgesellschaften, und „alten“ Geheimgesellschaften, die für den konstruktiven Einsatz ihrer Medizin gelobt werden. Während der Feldforschung konnte beobachtet werden, wie Mitglieder „neuer“ Geheimgesellschaften von den lokalen Behörden, die in enger Verbindung zu den alten Geheimgesellschaften stehen, für ungeklärte Todesfälle oder Verletzungen verantwortlich gemacht wurden. Das Kapitel befasst sich mit ikonoklastischen, öffentlichen Geständnissen, in denen Mitglieder „neuer“ Gesellschaften dazu gezwungen wurden, über die schädliche Medizin und ihr gesammeltes und angewandtes Wissen Zeugnis abzulegen. Durch die Offenlegung der Geheimnisse der neuen Gesellschaften glaubt man, deren negative Potenz schwächen zu können. Ein vom Lokalradio aufgenommenes und gesendetes Geständnis kann beispielsweise den Ausstieg aus den schädlichen Institutionen einleiten und so die Rückkehr in die Gemeinschaft ermöglichen. Eine detaillierte Narrativanalyse solcher Geständnisse zeigt, dass sie nicht etwa der Erzwingung einer bestimmten lokalen Moralordnung durch die lokalen Behörden dienen, sondern ein, wenn auch durch Ungleichheit gekennzeichnetes Verhandlungsforum dafür bieten, was eine moralisch „gute“ Gesellschaft ausmacht.

Kapitel Sechs untersucht Gottesurteile (z.B. das Ritual „den Eid essen“ engl.: „eat the oath“), denen sich Mitglieder neuer Geheimgesellschaften nach dem Schuldspruch infolge ihrer Geständnisse unterziehen. Wie Geheimgesellschaften selbst werden solche Gottesurteile im wissenschaftlichen Diskurs häufig als Gewohnheitsrecht und als im Niedergang befindliche Bräuche betrachtet. Bräuche wie Gottesurteile werden oft in Konkurrenz zu Verfahren der staatlichen Rechtsprechung, wie zum Beispiel Gerichtsverhandlungen dargestellt. Diese allein auf die Art des Rechtswegs bezogene Bewertung ist jedoch zu eng gefasst. Die Analyse von Gerüchten zeigt, dass der Wert des Eides nicht durch die Art des Rechtswegs begründet ist. Die Macht des Eides zeigt sich vielmehr in dem ihm zugeschriebenen Potential, die Wahrheit aufzudecken. Mitglieder, die Informationen zurückhalten, laufen Gefahr, vom Eid „ergriffen“ zu werden, d.h. von einer Krankheit oder sogar dem Tod ereilt zu werden. Der Eid selbst beinhaltet eine rituelle Reinigung vom früheren Umgang mit der schädlichen Medizin der Geheimgesellschaft sowie eine rituelle Handlung, die zukünftiges Fehlverhalten verhindern soll. Die Mitglieder werden nicht für ihre früheren Taten bestraft, sondern die negative Medizin kann durch das Ritual identifiziert und ausgelöscht werden. Die Rituale haben nicht Wiedergutmachung zum Ziel, sondern Reintegration und zielen somit weniger auf die Taten, oder die Beziehung zwischen Täter und Opfer, sondern auf die Stellung des einzelnen in der sozialen Gemeinschaft ab.

Kapitel Sieben beschäftigt sich mit dem Inhalt der im vorangegangenen Kapitel behandelten Geständnisse und untersucht den institutionellen Aufbau von Geheimgesellschaften. Um die Funktionsweise dieser Institutionen verstehen zu können, ist eine genaue Betrachtung der persönlichen Erfahrungen ihrer Mitglieder notwendig. Viele Geheimgesellschaftsanalysen stützen sich immer noch auf Simmels (1906) soziologische Betrachtung des Geheimnisses, die solche Gesellschaften als autonome und strikt hierarchische Institutionen beschreibt. Folglich werden Geheimgesellschaften oft als homogene und monolithische soziale Einheiten betrachtet, die vorrangig auf äußere Einflüsse wie z.B. Modernisierungsprozesse reagieren. Dieses Kapitel legt allerdings nahe, dass solche Charakteristika nur begrenzten Aufschluss über die Dynamiken zulassen, die Geheimnisgesellschaften prägen. Für eine genauere Betrachtung der Institution sollte der Schwerpunkt auf der Medizin als Transmissionsobjekt liegen, um dadurch die Vielschichtigkeit des Wissenstransfers besser verdeutlichen zu können. Die sehr intimen, autobiographischen Geschichten von Mitgliedern verschiedener Geheimgesellschaften zeigen, dass es multiple Wissensquellen gibt, und dass dieses Wissen sowohl innerhalb der Gesellschaften als auch zwischen verschiedenen (alten und neuen) Geheimgesellschaften transferiert wird. Wissenstransfer vollzieht sich innerhalb der Geheimgesellschaften nicht exklusiv oder hierarchisch, sondern ähnelt vielmehr alltäglichen Lernprozessen. Das abgrenzende Alleinstellungsmerkmal von Geheimgesellschaften ist nicht ihre institutionelle Struktur, sondern das Objekt ihres Wissenstransfers. Zum Vergleich werden Beispiele von Jägern, Lehrlingsverhältnissen und Fällen von Hexerei herangezogen, in denen jeweils ähnliche Muster diffusen Wissensaustauschs artikuliert werden.

Zusammenfassend zeigt die vorliegende Arbeit die Bedeutung kontextualisierter persönlicher und kollektiver Erfahrungen sozialer Akteure auf und wie diese Erfahrungen soziale Reproduktionsprozesse formen. Bezogen auf soziale Wandlungsprozesse belegt die Arbeit, dass Krisen – wie etwa der Bürgerkrieg in Liberia – trotz ihrer destruktiven Natur nicht zwangsläufig zur Zerstörung und noch nicht einmal zu Wandel in der Art der Artikulation von Zugehörigkeit führen müssen.

 
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