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Marek Mikuš
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Bilder vom Workshop

Petra Rodik (Universität Zagreb) hat gemeinsam mit Marek Mikuš den Workshop 'Households and Peripheral Financialisation in Europe' organisiert. ■ Foto: © Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung

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Haushalte und Finanzialisierung in Europas Peripherie – ein Workshop-Bericht

Haushalte und Finanzialisierung in Europas Peripherie – ein Workshop-Bericht

Vom 22.–23. Februar 2018 fand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung (MPI) der Workshop “Households and Peripheral Financialisation in Europe” statt. Er wurde von Marek Mikuš vom MPI und Petra Rodik von der Universität Zagreb organisiert.

3. April 2018

Der Workshop war als informelles, intensives Treffen einer interdisziplinären Gruppe von Ethnologen, Soziologen und Geographen konzipiert, deren gemeinsames Forschungsinteresse sich auf die noch recht wenig untersuchten Beziehungen zwischen privaten Haushalten und Finanzialisierung richtet. Dabei verstehen sie unter dem Begriff Finanzialisierung (englisch: financialisation) die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft unter dem wachsenden Einfluss der Finanzwirtschaft. In Halle trafen sich Wissenschaftler aus Österreich, Kroatien, Belgien, Deutschland, Ungarn, Italien, Polen, Spanien, Schweden und Großbritannien, die überwiegend in ost- und südeuropäischen Staaten forschen. Die beiden Leiter der Forschungsgruppe “Financialisation” Chris Hann und Don Kalb nahmen ebenso am Workshop teil wie Martin Sokol (Trinity College Dublin) und seine Mitarbeiter aus dem GEOFIN-Projekt (Western Banks in Eastern Europe: New Geographies of Financialisation).


In seinem Einführungsvortrag zeichnete Marek Mikuš die Genealogie des Haushalts als ethnologischen Begriff nach. Dabei hinterfragte er kritisch weit verbreitete Annahmen, die mit der herkömmlichen Bedeutung des Begriffs einhergehen und dabei zu wenig darauf achten, dass Haushalte dynamische soziale Formen sind, die wiederum Teil größerer Strukturen und Prozesse sind. Petra Rodik gab einen Literaturüberblick zu den abhängigen, peripheren und halbperipheren Formen der Finanzialisierung und fasste zusammen, was wir über ihre Folgen für die Haushalte in Europas Peripherie wissen und welche wissenschaftlichen Defizite noch vorhanden sind.

Auf der Basis ihrer eigenen langfristigen Feldarbeit in Südafrika und weiteren Studien über Chile, Indien und Malawi hielt Deborah James (London School of Economics) den Eröffnungsvortrag über den komplexen und häufig widersprüchlichen Zusammenhang zwischen steigender Verschuldung und dem Entstehen neuer Mittelschichten im Globalen Süden. Der Rest des ersten Tages stand im Zeichen ethnologischer Vorträge zum Thema Finanzialisierung und private Haushalte in Südost- und Südeuropa. Zaira Lofranco (Universität Bergamo) befasste sich mit Bürgen in Bosnien-Herzegowina, die häufig gezwungen waren, die Schulden anderer zurückzuzahlen. Sie sprach darüber, wie diese Entwicklung die Praxis der Kreditvergabe, die Solidargemeinschaften und die Beziehungen innerhalb von Familien beeinflusst hat. Irene Sabaté Muriel (Universität Barcelona) betonte die Notwendigkeit, den Blick zu weiten und private Haushalte nicht nur als in sich geschlossene Einheiten zu betrachten, sondern auch größere Familien- und Solidaritätsnetzwerke in die Analyse einzubeziehen. So könne man besser verstehen, welche Strategien spanische Hypothekenschuldner verfolgen, um der Enteignung zu entgehen. Andreas Streinzer (Universität Wien) gab Einblick in das Schuldenmanagement, das von griechischen Bankangestellten und von Enteignung bedrohten, verschuldeten Haushalten gemeinsam betrieben wird.

Die Vorträge im ersten Teil des zweiten Tags konzentrierten sich auf die Finanzierung von Wohnungsbau. Manuel Aalbers (KU Leuven) betonte die zentrale Bedeutung des Wohnungsbaus für den Finanzmarktkapitalismus. Er zeigte Tendenzen, Wendepunkte und Muster bei der globalen Entwicklung der Wohnraumfinanzierung und machte auf aktuelle Entwicklungen wie die Konzentration auf die Finanzierung von Mietimmobilien aufmerksam. Natalia Buier (MPI für ethnologische Forschung) hat sich mit Lebensläufen von Individuen in einem schuldenfinanzierten Wohngebiet im Umfeld des Bahnhofs einer Hochgeschwindigkeitsstrecke in der Region Madrid beschäftigt. Dabei hat sie Zusammenhänge zwischen Wohnraumfinanzierung, Infrastruktur, sozialer Reproduktion und Politik aufgezeigt.

Die letzte Session bestand aus drei empirischen Studien zur Finanzialisierung von Haushalten in Mittelosteuropa. Ágnes Gagyi (Universität Göteborg) and András Vigvári (Ungarische Akademie der Wissenschaften) präsentierten ein Projekt, das sie gemeinsam mit Csaba Jelinik (Ungarische Akademie der Wissenschaften) und Zsuzsanna Pósfai (Universität Szeged) entwickelt haben. Das Projekt setzt informelle Wohnraumlösungen in den Randbezirken des Großraums Budapest mit der langfristigen und vielschichtigen räumlichen Entwicklung sozialer Ungleichheit in Beziehung; wobei die neueste Stufe dieser Entwicklung die Finanzierung von Wohnraum und privaten Haushalten ist.

Mateusz Halawa (Polnische Akademie der Wissenschaften) präsentierte seine laufende Arbeit über die ethischen Debatten um Hypotheken in Polen, die in Schweizer Franken ausgegeben werden. Polen ist das einzige europäische Land, in dem es eine große Anzahl solcher Hypotheken gibt und das noch keine Lösung für Schuldner entwickelt hat, die der Wertsteigerung des Schweizer Frankens seit der Finanzkrise ausgeliefert sind. Auf der Basis statistischer Daten ist Mikołaj Lewicki (Universität Warschau) der Frage nachgegangen, ob und wie unterschiedliche Hypotheken – in Schweizer Franken, Euro oder polnischen Zloty – zur sozialen Stratifikation in Polen beitragen.

Die Vorträge, die auf dem Workshop gehalten wurden, haben sich mit der Möglichkeit beschäftigt, wie die Kreditfinanzierung von privaten Haushalten, im Verhältnis zu lokalen, regionalen, nationalen und transnationalen Strukturen und Prozessen analysiert werden kann. In vielen der diskutierten Fälle haben sich ähnliche Entwicklungen gezeigt, beispielsweise die mehr oder weniger direkte Entwertung von Vermögen und Arbeitskraft durch den Finanzmarkt – hauptsächlich durch die Vergabe von Darlehen – und durch die Kommodifizierung des sozialen Kapitals von Haushalten. Alle Workshopteilnehmer haben von den ausführlichen Kommentaren der Diskutanten und dem Austausch mit Kollegen profitiert und planen jetzt eine gemeinsame Publikation.

 
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