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Die Visegrád-Staaten im Strudel postsozialistischer Umbrüche

Die Visegrád-Staaten im Strudel postsozialistischer Umbrüche

31. Mai 2018

Niedrige Löhne, zunehmende soziale Ungleichheit, Arbeitsmigration, Fremdenfeindlichkeit – die vier Visegrád-Staaten Tschechien, Ungarn, Polen und Slowakei kämpfen mit sehr ähnlichen gesellschaftlichen und politischen Problemen. Mit den Ursachen und den weitreichenden Folgen dieser Situation beschäftigt sich vom 7. bis 8. Juni 2018 die internationale Konferenz ‘Visegrád Belongings: Freedoms, Responsibilities and Everyday Dilemmas’ am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung (MPI). Die Tagungssprache ist Englisch.

Gemeinsam gegen Europa
1991 haben die drei Staaten Polen, Ungarn und die Tschechoslowakische Republik ein Kooperationsabkommen unterzeichnet. Nach der Trennung der Tschechoslowakei in die Tschechische und Slowakische Republik wurde aus diesem Dreierbündnis am 1. Januar 1993 ein Viererbündnis. Die vier Visegrád-Staaten (V4) sind seitdem durch vielfältige institutionelle Kooperationen eng miteinander verwoben. Und sie sorgen in der jüngeren Vergangenheit immer dann für besondere mediale Aufmerksamkeit, wenn sich ihre Regierungen wieder einmal vehement gegen die von den EU-Innenministern beschlossene Quotenregelung für Flüchtlinge zur Wehr setzen. Insbesondere Jarosław Kaczyński und Viktor Orbán haben mit diesem Widerstand gegen Brüssel, der sich nicht nur auf den notwendigen Schutz nationaler Identität, sondern auch auf die Bewahrung europäischer christlicher Werte beruft, großen innenpolitischen Erfolg.

Wirtschaftliche und soziale Ungleichheit
„Die rigorose Haltung in der Flüchtlingspolitik ist aber nicht die einzige Gemeinsamkeit der Visegrád-Staaten“, sagt Chris Hann, Organisator der Konferenz und Direktor der Abteilung ‚Resilienz und Transformation in Eurasien‘ am MPI. „Ein weiteres Beispiel ist etwa ihre schwierige wirtschaftliche Lage und die große Arbeitsmigration. Viele Menschen verlassen diese Länder, weil sie entweder gar keine oder keine angemessen bezahlte Arbeit finden.“ Auf der Konferenz werden sich die Wissenschaftler insbesondere auf der Mikroebene mit den Folgen des Niedergangs des Sozialismus und den Auswirkungen des globalen Kapitalismus auf die Gesellschaften der V4 befassen. „Wenn man zum Beispiel sieht, dass ein Arbeiter bei Mercedes-Benz in Stuttgart etwa vier Mal so viel verdient wie ein Arbeiter in der neuen Mercedes-Benz-Fabrik in Kecskemét in Ungarn, dann kann man schon nachvollziehen, warum Orbán mit seiner Kritik an der EU, von der sich die Menschen im Postsozialismus sehr viel versprochen hatten, so viele Anhänger hat.“

Formen der Identität jenseits des Nationalismus
Auch wenn es in den westlichen Medien immer so dargestellt wird, als ob die populistische Politik der Visegrád-Staaten symptomatisch ist für den generellen Aufschwung des Nationalgefühls in Osteuropa, ist dieses Bild doch viel zu grob gezeichnet. „Wir wollen auf unserer Konferenz untersuchen, welche Formen der Identitäten und Zugehörigkeiten jenseits des Nationalstaates in den V4 heute eine Rolle spielen“, sagt Hann. „Deshalb interessieren wir uns beispielsweise für Formen der Identitätsbildung in Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen, in säkularen und religiösen Organisationen und in unterschiedlichen Regionen.“ Vielleicht haben diese Quellen der Identität, das Potential dem aggressiven Nationalismus und den Zumutungen des globalen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen und neue Formen gesellschaftlicher Solidarität zu schaffen. Hann: „Die aktuellen von der neoliberalen Wirtschaft oktroyierten Prozesse tragen offensichtlich zu einem zunehmend autoritären Populismus bei. Das ist die schlechte Nachricht. Aber möglicherweise gibt es auch das Potenzial für neue emanzipatorische soziale Bewegungen. Das wäre dann die gute Nachricht. Beides kann man als gesellschaftliche Mobilisierung gegen die verheerenden Auswirkungen einer entgleisten Wirtschaft verstehen – ganz so, wie der ungarische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi dies mit seinem berühmten Begriff der „Doppelbewegung“ beschrieben hat.“

Erforschung des globalen sozialen Wandels
Das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung ist eines der weltweit führenden Forschungszentren auf dem Gebiet der Ethnologie (Sozialanthropologie). Es hat seine Arbeit 1999 mit den Gründungsdirektoren Prof. Dr. Chris Hann und Prof. Dr. Günther Schlee aufgenommen und 2001 seinen ständigen Sitz im Advokatenweg 36 bezogen. Mit Ernennung der Direktorin Prof. Dr. Marie-Claire Foblets im Jahre 2012 wurde das Institut um eine Abteilung zum Themenfeld ‚Recht & Ethnologie‘ erweitert. Forschungsleitend ist die vergleichende Untersuchung gegenwärtiger sozialer Wandlungsprozesse. Besonders auf diesem Gebiet leisten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Institutes einen wichtigen Beitrag zur ethnologischen Theoriebildung. Sie befassen sich darüber hinaus in ihren Projekten oft auch mit Fragestellungen und Themen, die im Mittelpunkt aktueller politischer Debatten stehen. Am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung arbeiten gegenwärtig 175 Wissenschaftler aus über 30 Nationen. Darüber hinaus bietet das Institut zahlreichen Gastwissenschaftlern Raum und Gelegenheit zum wissenschaftlichen Austausch.

Zum Programm der Tagung

Mehr Informationen zum Visegrád Anthropologists’ Network (V4 Net)

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Prof. Dr. Chris Hann
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Abteilung ‘Resilienz und Transformation in Eurasien’
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
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Mail: hann@eth.mpg.de
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Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
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