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Dominik Müller
Dominik Müller
Forschungsgruppenleiter
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Bilder vom Workshop

Die Organisatoren des Workshops 'Conceptualizing the Bureaucratization of Islam and its Socio-Legal Dimensions in Southeast Asia: Anthropological and Transdisciplinary Perspectives': Rosalia Engchuan, Annika Benz, Dominik Müller, Fauwaz Abdul Aziz, Tímea Gréta Biró (v.l.n.r.)

Fotos vom Workshop am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung

Die Organisatoren des Workshops 'Conceptualizing the Bureaucratization of Islam and its Socio-Legal Dimensions in Southeast Asia: Anthropological and Transdisciplinary Perspectives': Rosalia Engchuan, Annika Benz, Dominik Müller, Fauwaz Abdul Aziz, Tímea Gréta Biró (v.l.n.r.)

Bureaucratization of Islam – Kurze Nachbetrachtung zum Workshop

Bureaucratization of Islam – Kurze Nachbetrachtung zum Workshop

Am 7. und 8. September 2017 fand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung ein Workshop mit dem Titel Conceptualizing the Bureaucratization of Islam and its Socio-Legal Dimensions in Southeast Asia: Anthropological and Transdisciplinary Perspectives statt.

16. Oktober 2017

Die Veranstaltung wurde von der durch das Emmy-Noether-Programm von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Nachwuchsforschergruppe "The Bureaucratization of Islam and its Socio-Legal Dimensions in Southeast Asia" organisiert. Für den Workshop kamen Experten aus Europa, Südostasien, Australien und den Vereinigten Staaten nach Halle, um mit Forschungsgruppenleiter Dominik Müller und seinen drei DoktorandInnen die Rolle staatlicher Akteure bei der gegenwärtigen politischen und rechtlichen Islamisierung in Brunei, Indonesien, Malaysia, Singapur und den Philippinen zu diskutieren. Ein besonderes Augenmerk des Projekts liegt auf der sozialen Aushandlung der "klassifikatorischen Macht" von Staaten, und auf der Diffusion islambürokratischer Diskurse und damit verbundener kultureller Formen in nichtstaatliche Bereiche sowie deren vielfältige Aneignungen. Das Projekt möchte die "Bürokratisierung des Islam" in Südostasien auf der Grundlage langfristiger Feldforschungen vor Ort aus einer ethnologischen Perspektive länderübergreifend theoretisieren und Familienähnlichkeiten identifizieren, die sich trotz tiefgreifender Unterschiede in nationalen Diskurskontexten und damit verbundenen sozialen Bedeutungsproduktion beobachten lassen. Gleichzeitig möchte das Projekt einen Beitrag zur ethnologischen Methodendiskussion vor dem Hintergrund bürokratischer Feldforschungsräume leisten.

Intensive Diskussionen mit Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen
Der Workshop war in vier Abschnitte unterteilt: Nach einem Grußwort der Geschäftsführenden Direktorin des Instituts Marie-Claire Foblets und einer konzeptuellen Einführung durch Dominik Müller stellten seine DoktorandInnen Fauwaz Abdul Aziz, Timea Greta Biro und Rosalia Engchuan zunächst ihr Forschungsprojekt sowie dessen Teilprojekte vor. Im zweiten Abschnitt präsentierten die Gäste laufende Forschungen oder kürzlich abgeschlossene Projekte, die thematisch mit der Arbeit der Emmy-Noether-Gruppe zu Staat-Islam-Beziehungen in Südostasien verbunden sind. Zu den Referenten zählten Patricia Sloane-White (University of Delaware, USA), Michael Feener (University of Oxford, UK), Michael Peletz (Emory University, USA), Kerstin Steiner (La Trobe University, Australien), Intan Paramaditha (Macquarie University, Australien), Dian Shah (National University of Singapore), Alicia Izharudin (University of Malaya), Mirjam Künkler (Käte-Hamburger-Kolleg „Recht als Kultur“), Saskia Schäfer (FU Berlin) und Scott MacLochlainn (Universität Göttingen), wobei in drei Sessions jeweils ein Diskutant die Verbindung der Beiträge zueinander und zum Projektthema der Emmy Noether Gruppe hervorhob. Die Ethnologin Patricia Sloane-White, Autorin der kürzlich erschienenen Monographie „Corporate Islam“ (Cambridge University Press, 2017), problematisierte beispielsweise unter dem Titel „ ‚Ethnography by Appointment‘: Studying Muslims in Corporate and Bureaucratic Settings“ selbstkritisch die Anwendbarkeit etablierter ethnologische Methoden in Feldforschungskontexten wie Staatsbürokratien, Banken und Finanzinstitutionen und entwickelte daraus Empfehlungen für die Forschergruppe. Sie blickte hierbei auf Erfahrungen aus mehr als zwei Jahrzehnte eigener Feldforschungen mit Staats- und Wirtschaftseliten in Malaysia zurück. Auch andere Beiträge, wie der Vortrag des seit den 1970er Jahren in Malaysia forschenden Rechtsethnologen Michael Peletz, setzten eigene Erfahrungen und aktuelle Forschungsergebnisse mit der Projektarbeit der Emmy-Noether-Gruppe in Verbindung. Im dritten Abschnitt des Workshops fanden „One-on-One“-Gespräche zwischen den drei DoktorandInnen und ausgewählten Gästen statt. In jeweils sechs fünfzigminütigen Einzelgesprächen erhielten die DoktorandInnen Empfehlungen für ihre Promotionsprojekte. Zur Vorbereitung dieser Beratungen hatten die Workshopgäste zwei Wochen vor der Veranstaltung deren Projektbeschreibungen erhalten. An diesen Beratungen nahm auch Keebet von Benda-Beckmann teil, die am MPI für ethnologische Forschung von 2000 bis 2012 die Projektgruppe „Rechtspluralismus“ leitete.

Ethnologische Methoden im Kontext staatlicher Organisationen
Im vierten und letzten Abschnitt kam die Gruppe erneut im Plenum zusammen: Zunächst fassten die DoktorandInnen einige Empfehlungen sowie die Erfahrung der Gespräche zusammen und entwickelten eine erste Positionierung dazu. Daraufhin wurden gemeinsam Ideen zur weiteren Entwicklung des Meta-Projekts unter Berücksichtigung der jeweiligen Teilprojekte diskutiert, wobei Dominik Müller wertvolle Anregungen durch die eingeladenen Experten erhielt. Hierzu zählte beispielsweise Sloane-Whites Anregung, auch die methodischen Erfahrungen des Projekts als wichtige Ergebnisse zu betrachten und dazu zu publizieren, da diese auch jenseits des inhaltlichen und regionalen Kontexts für breitere Fachdebatten von Interesse sein können. Sie plädierte ausgehend von eigenen Erfahrungen für eine schonungslos selbstkritische Überprüfung methodischer Paradigmen der Ethnologie und damit verbundenen Selbstdarstellungskonventionen. Sie empfahl der Gruppe, mit verschiedenen Ansätzen zu experimentieren und deren (Nicht-)Anwendbarkeit und Modifikationsbedarf im Kontext staatlicher Organisationen zu reflektieren, um formelhafte Bekenntnisse zur „teilnehmenden Beobachtung“ (bzw. der ebenfalls fachintern zum Mythos gewordenen Phrase des „deep hanging out“) zu problematisieren. Michael Feener wiederum machte konkrete Vorschläge für die Ausarbeitung der komparativen Komponente des Meta-Projekts, wozu eine intensive Diskussion zwischen allen TeilnehmerInnen geführt wurde. Abschließend wurden Perspektiven zukünftiger Kooperationen mit den Gästen von Dominik Müller besprochen.

Gut vorbereitet in die Feldforschung
Die DoktorandInnen, deren Projektentwicklung im Zentrum der Veranstaltung stand, empfanden den intensiven Austausch mit international führenden Wissenschaftlern, die gezielt mit Blick auf Beratungsmöglichkeiten für die jeweiligen Promotionsthemen eingeladen wurden, als äußerst gewinnbringend. Sie hatten ihre Promotion im April 2017 begonnen und waren kurz vor dem Workshop von einem einmonatigen „Field Orientation Trip“ aus Südostasien zurückgekehrt. Infolge der Veranstaltung sowie der ersten Erfahrungen im Feld werden sie nun ihre Projektkonzepte modifizieren und vertiefen, bevor sie Ende November zur eigentlichen, elfmonatigen Feldforschung aufbrechen. Auch für das Meta-Projekt waren die Beratungen sehr wertvoll. Beispielsweise für die Entwicklung einer komparativen Dimension sowie zur Konkretisierung der Idee der „Bürokratisierung des Islam“ als soziales Phänomen, das seine institutionellen Grenzen in vielfältigen Formen überschreitet und mit kulturellen bzw. gesellschaftlichen Transformationsprozessen eng verknüpft ist.

Ethnologische Innenansichten der Bürokratisierung
Ein weiteres Ziel des Workshops war es, durch den transdisziplinären Austausch mit Ethnologen und Vertretern anderer Disziplinen den ethnologischen Charakter des Projekts zu reflektieren, sich dessen Stärken bewusst zu machen, und gleichzeitig zu diskutieren, wie eine dezidiert ethnologische Perspektive auf die Bürokratisierung des Islam auch für andere Disziplinen relevant sein kann. Die vor Ort auf der Mikro-Ebene zu gewinnenden qualitativen Daten, die über lange Zeiträume in enger Interaktion mit beteiligten Akteuren generiert werden, wurden von den anwesenden Vertretern benachbarter Disziplinen, die sich ebenfalls mit der Bürokratisierung von Religion befassen – jedoch nur selten über derartige „Innenansichten“ aus erster Hand verfügen – als sehr wertvoller Beitrag erachtet. Auch die ethnologische Formulierung anders gearteter Erkenntnisinteressen – jenseits funktionaler und institutioneller Interessen in der politologischen Forschung zur Bürokratisierung von Religion, in der es zumeist um politische Strategien, offizielle Positionen, Elitendiskurse und Fragen der Machtlegitimation oder Kooptation religiöser Opposition geht – stieß auf großes Interesse. Gleichzeitig wurden auch fachliche Unterschiede deutlich, beispielsweise zwischen einem rechtswissenschaftlichen Verständnis von „Bürokratie“, die notwendiger Weise staatsbasiert ist, und dem in der Ethnologie vorherrschenden wesentlich weiter gefassten Bürokratie- bzw. Bürokratisierungsverständnis. Hierbei machten die ethnologischen TeilnehmerInnen deutlich, dass ihr Ansatz über die Selbstpräsentation und sprachliche Eigenlogik von Staaten und Bürokratien hinausgehen möchte und darauf insistiert, diese ganz bewusst jenseits ihrer eigenen Kategorien zu denken.

Nächstes Treffen in Oxford
Der nächste internationale Workshop des Projekts baut auf den Ergebnissen der Veranstaltung auf und soll im Mai/Juni 2018 am Asian Studies Centre der University of Oxford stattfinden, das Kooperationspartner des Projekts ist. Zu diesem Zeitpunkt werden die DoktorandInnen die Hälfte ihrer Feldforschung absolviert habe und erstmals Zwischenergebnisse strukturiert präsentieren. Sie werden dort erneut den Projektfortschritt mit internationalen Experten besprechen und ihre Pläne für die zweite Hälfte der Feldforschung diskutieren. Hierbei sollen einzelne Teilnehmer des Workshops in Halle erneut mitwirken, um den Austausch fortzusetzen und weiter zu vertiefen. Zudem ist geplant, dass zwei Workshopteilnehmerinnen, die Ethnologin Patricia Sloane-White und die Politologin Mirjam Künkler, Anfang 2019 als Gastwissenschaftlerinnen an das MPI für ethnologische Forschung nach Halle kommen, um nach Abschluss der Feldforschungen der DoktorandInnen die dann beginnenden Verschriftlichungsphase beratend zu begleiten, und die Konsequenzen der Ergebnisse der Teilprojekte für das Gesamtprojekt mit der Gruppe zu diskutieren.

 
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