Scharia in genuin europäischen Settings: Konnex muslimischer Lebenspraxis zu islamischer Normativität

Das Forschungsprojekt geht von der Prämisse aus, dass Religion für Gläubige eine ethische Sinnstiftungsfunktion beinhaltet, indem sie Vorstellungen von einem guten Leben und einer gerechten Gestaltung „ihrer“ Gesellschaft transportiert. Religionen haben also eine nicht zu vernachlässigende moralische Funktion. Das zentrale Kriterium dieser moralischen Funktion der Religion ist ihre Lebensdienlichkeit. Dem Leben dienlich sind Religionen demnach dann, wenn sie dem Menschen eine praktische Integration grundlegender Erfahrungen in seinen Lebensentwurf auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene (Handlungsweisen) ermöglichen. Dies trifft auch auf islamische Glaubensvorstellungen zu, die zentraler Gegenstand dieses Forschungsvorhaben sind. Dieses setzt sich mit dem derzeitigen Verhältnis von islamischer Normativität und Lebenswirklichkeiten von Personen muslimischer Zugehörigkeit (Glaubensangehörige) außerhalb muslimischer Mehrheitsgesellschaften im europäischen Kontext auseinander.

Um beiden Aspekten (islamische Normativität und muslimische Lebenswirklichkeiten) gerecht zu werden, wird die Untersuchung ethnologisch und islamwissenschaftlich näher beleuchten, um den sich daraus ergebenden Implikationen auf den Grund zu gehen. Im Lichte der schariatsrechtlichen, ethisch-normativen Projektion des Alltagsislam wird die Religion als soziale Praxis verstanden. Diese soziale Praxis impliziert, dass sie Glaubensangehörigen bestimmte normative Orientierungen bereitstellt. Unter dem Blickwinkel dieser normativen Orientierung bewegen sich Akteure in Deutschland, Frankreich und Groß­britannien in jeweils spezifischen gesamtgesellschaftlichen und rechtskulturellen Rahmen. Dieser komparativ ausgelegten Untersuchung liegt daher die Hypothese zu Grunde, dass sich die unterschiedlich akzentuierten Re­ligionsverfassungsrechte der ausgewählten Länder im jeweils individuellen, islamisch motivierten ethischen Handlungsverständnis der Akteure widerspiegeln. Vorherrschende, von Gelehrten und Intellektuellen dominierte Konzepte werden auf der Basis der empirischen Befunde einer sorgsamen Prüfung unterzogen.

 

Individuelle Projekte

Lebensweltliche Alltagspragmatik und islamische Normativität von sich in höherer Bildung befindlichen Muslim*innen

In seiner Habilitationsarbeit geht Hatem Elliesie der Frage nach, inwiefern Interaktionen zwischen den Generationen einfach nur fortgesetzt, ausagiert oder gar umgeformt werden. Grundlage der Untersuchung bilden sowohl die sozialen Ereignisse, die in einer bestimmten Lebensphase von den Generationen gleichzeitig erlebt werden, als auch die über eine längere zeitliche Dauer gelebten islamischen Wertehaltungen.

Demgemäß werden in der ersten Forschungsphase Muslim*innen der gymnasialen Sekundarstufe II in den Blick genommen. Der Auswahl dieser Personengruppe liegt die Annahme zugrunde, dass sie sich zwar gewöhnlicherweise in einem individuell-religiösen Findungsprozess befindet, aber noch nicht die intellektuellen islamrechtlichen Debatten verfolgen dürfte.

Die sich aus den Befunden ergebenden Fragen nach dem alltagspragmatischen Umgang mit religiösen normativen Grundsätzen werden dann in einer zweiten Forschungsphase an Lehramtsstudierende der islamischen Theologie herangetragen.

Vor dem Hintergrund der religiösen normativen Matrix werden schließlich in der dritten Forschungsphase generationenübergreifende Interaktionsprozesse aufgefächert und nutzbar gemacht.

Lebensweltliche Alltagspragmatik von Musliminnen und islamische Normativität im Kontext des gender ǧihād

Das Dissertationsprojekt von Beate Anam untersucht, in welcher Form Musliminnen, die das deutsche Bildungssystem durchlaufen haben, religiöse Normen alltagspragmatisch leben. Damit einher geht die Beantwortung der Frage, wie diese Frauen ihr Handeln begründen und inwieweit sie es als normenkonform im Hinblick auf die Religion erachten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf das theoretische und praktische Rollenverhältnis der Geschlechter (gender) gelegt. Welche Auswirkungen zudem unterschiedliche gesellschaftliche Lebenswelten auf die religiöse Praxis der betreffenden Akteurinnen haben, wird durch vergleichende Untersuchungen in West- und Ostdeutschland eruiert.

Die Befunde sollen mit den Ausführungen in den klassisch islamischen Werken zu den Quellen und methodischen Grundlagen der Normenfindung verglichen und anhand dessen abgebildet werden, ob und inwiefern sich Handlungsmuster in der Interaktion zwischen lebensweltlicher Alltagspragmatik und islamischer Normativität erkennen lassen und ob daraus Angebote für muslimische Zuwanderer*innen ableitbar sind.

Lebensweltliche Alltagspragmatik von Muslimen und islamische Normativität im Kontext aktueller Migrantenmilieus

Abdelghafar Salims Dissertationsprojekt untersucht die Lebenswelten von muslimischen Zuwanderer*innen, deren Bildungssozialisation in einem islamisch geprägten Land (Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Somalia, Pakistan etc.) erfolgte.

Im Fokus steht dabei die Frage, inwieweit alltagspragmatische Handlungsweisen durch die Religion definiert, legitimiert und als schariakonform betrachtet werden. Geographisch konzentriert sich die Untersuchung auf Ostdeutschland, wo die Implikationen der divergierenden Kontexte von städtischen und ländlichen Gebieten untersucht werden.

Die Ergebnisse sollen offenlegen, ob und inwieweit ein mögliches Innovationspotential von muslimischen Zuwanderer*innen demjenigen von Muslim*innen ähnelt, dieses ergänzt oder sich von diesem unterscheidet, die das deutsche Bildungssystem durchlaufen (haben).

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