Transformations in Private Law:
Culture, Climate, and Technology


Die Max-Planck-Forschungsgruppe „Transformations in Private Law: Culture, Climate, and Technology“ untersucht, wie soziale Realität im und in Recht übersetzt wird und wie sich dies auf Rechtsnormen und -praxis auswirkt. Die Gruppe greift den interdisziplinären Ansatz der Abteilung „Recht & Ethnologie“ auf und konzentriert sich auf Gerichtsverfahren im Zivilrecht, um diese Transformationsprozesse entlang dreier miteinander verknüpfter Dimensionen zu untersuchen: Veränderungen der sozialen Realität durch rechtliche Prozesse, die daraus resultierenden Transformationen des Rechts selbst sowie übergreifende gesellschaftliche Wandlungsprozesse.

Die Forschung gliedert sich in zwei sich überschneidende Achsen, welche die Komplexität dieser Dynamiken erfassen. Die erste Achse wird durch die Schlüsselbereiche der sozialen Realität gebildet, auf welche die Gruppe ihr Augenmerk richtet: kulturelle Vielfalt, Klimawandel und digitale Transformation. Die zweite Achse bezieht sich auf die unterschiedlichen Ursprünge des Wissens über die soziale Realität, das auf persönlicher Erfahrung und gesellschaftlich geteilten Überzeugungen („Alltagswissen“) oder auf systematischer Forschung und Erkenntnis („wissenschaftliches Wissen“) beruhen kann.

An der Schnittstelle dieser Achsen liegt eine grundlegende Herausforderung: die Koexistenz pluraler und konkurrierender Beschreibungen der Realität. Da gerichtliche Entscheidungsprozesse zwangsläufig mit einer epistemischen Selektion einhergehen, müssen Gerichte letztlich entscheiden, welche Beschreibungen der Realität vom Recht akzeptiert und als maßgeblich anerkannt werden. Die Forschungsgruppe untersucht, wo und wie diese Auswahlprozesse stattfinden, welches Wissen herangezogen und welches ausgeschlossen wird, und beleuchtet dabei insbesondere, wie diese Hintergrundannahmen die juristische Argumentation und gerichtliche Entscheidungen im bürgerlich-rechtlichen Vermögensrecht prägen.

Vorstellungsvideo der Forschungsgruppe

Kulturelle Pluralität, Klimawandel & digitale Transformation im Privatrecht — Mareike Schmidt

Vorstellungsvideo der Forschungsgruppe
https://www.youtube.com/watch?v=9JC9aU_v9Lc

Methodischer Ansatz und disziplinäre Ausrichtung

Angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Rechtsanthropologie und Privatrechtsdogmatik verfolgt die Gruppe eine dezidiert intern-externe Perspektive. Empirische Methoden werden mit ethnographischer Sensibilität kombiniert, um als selbstverständlich angesehene Annahmen in der Rechtspraxis zu identifizieren und zu hinterfragen, während gleichzeitig juristische Dogmatik und Methodenlehre als interne Kommunikationsformen der Rechtsgemeinschaft ernst genommen werden. Die Arbeit geht über die externe Beobachtung hinaus und leistet einen aktiven Beitrag zu internen juristischen Diskursen. Ziel ist es insbesondere, die blinden Flecken bei der Umsetzung sozialer Realität in Recht zu erfassen und Möglichkeiten für deren Bearbeitung in Rechtsdogmatik, Methodik und Praxis aufzuzeigen.

Monographische Projekte

Mareike Schmidts Buchprojekt „Kulturelle Diversität im Privatrecht“ bildet den übergreifenden Rahmen für das Forschungsprogramm der Gruppe. Mit dem Vermögensrecht des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches als primärem Analysefeld untersucht Mareike Schmidt, wie kulturell verankerte Normalitätsvorstellungen die Übersetzung der sozialen Realität in juristische Argumentation und richterliche Entscheidungen prägen. Das Projekt basiert auf einer umfassenden Rechtsprechungsanalyse und integriert dogmatische, methodologische und sozialwissenschaftliche Perspektiven.

Alle drei Promotionsprojekte führen innerhalb dieses Rahmens empirische Forschung durch, wobei jedes einen spezifischen Blickwinkel einnimmt, der es ermöglicht, die Transformationen der sozialen Realität im Recht sichtbar zu machen.

Friederike Gehrkes Projekt „Reflexive Unparteilichkeit – Sachverhaltsbildung im Zivilrecht in pluralen Gesellschaften“ konzentriert sich auf die Konstruktion rechtlicher Tatsachen in Zivilverfahren vor deutschen Gerichten. Dabei wird die kulturelle Pluralität der deutschen Gesellschaft herangezogen, um die als selbstverständlich angesehenen Annahmen zu untersuchen, auf die sich Richter:innen stützen, wenn sie soziale Realität in rechtliche Tatsachen übersetzen.

Igal Lavi verlagert den Fokus auf einen spezifischen Teil der sozialen Realität und untersucht in seinem Projekt „Religious Litigation in Private Law: An Ethnographic Study of Sincerity and Religious Law in Israeli Courts“ religiöse Ansprüche vor israelischen Zivilgerichten und geht der Frage nach, wie Beschreibungen religiöser Normen und individueller Aufrichtigkeit in rechtliche Verfahren übersetzt werden.

Schließlich fügt Lisa Simonis’ Projekt mit dem Titel „Die Einbeziehung außerrechtlicher Hintergründe in Rechtspraxis und -dogmatik: Eine Studie zum deutschen Wohnraummietrecht“ diesen Transformationen eine zeitliche Dimension hinzu: Das Forschungsprojekt konzentriert sich auf die Praxis des deutschen Mietrechts und untersucht, wie Veränderungen außerrechtlicher Faktoren zu diachronen Veränderungen in Rechtspraxis und -dogmatik führen können.

Drittmittelprojekt

Das Projekt „Wandel im und durch Recht: Digitale Transformation und Klimawende“, das Mareike Schmidt gemeinsam mit zwei Kolleg:innen verschiedener Universitäten durchführt, befasst sich mit der Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in rechtliche Regulierung, Methodik und Dogmatik sowie in die juristische Ausbildung.

Studentische Hilfskräfte

Die studentischen Hilfskräfte, die alle über einen juristischen Hintergrund verfügen, spielen eine wesentliche Rolle in den Projekten der Forschungsgruppe. Sie leisten wichtige Unterstützung durch rechtsvergleichende Recherchen und die Beobachtung aktueller wissenschaftlicher Publikationen in den Forschungsbereichen der Gruppe. Darüber hinaus helfen sie bei der Überarbeitung und dem Korrekturlesen wissenschaftlicher Manuskripte, um die hohe Qualität der gemeinsamen Arbeitsergebnisse sicherzustellen.

Das Projekt von Mareike Schmidt.
Zur Redakteursansicht