Netzwerk: Sozialanthropologie der Visegrád-Staaten

Gründungstreffen am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung

13. Oktober 2017

Die Visegrád-Staaten – Polen, Slowakei, Tschechische Republik und Ungarn, auch als V4 bekannt – haben in jüngster Zeit einen schlechten Ruf in den westlichen Medien. Sie haben sich 1991 aufgrund bis ins Mittelalter zurückreichender Gemeinsamkeiten zusammengeschlossen. Ihre Volkswirtschaften, politischen Institutionen und gesellschaftlichen Strukturen weisen noch im Postsozialismus Ähnlichkeiten auf. – zu denen eben auch zunehmender Nationalismus und Islamophobie gehören. Besonders in Ungarn und Polen ist für viele Beobachter der demokratische Rechtsstaat seit Jahren in Gefahr. Dennoch gab es bisher relativ wenig sozialanthropologische Forschungen zu diesem Klub mit zweifelhaftem Status (zu dem man auch die neuen deutschen Bundesländer zählen könnte, da viele der problematischen Phänomene auch dort zu beobachten sind, nicht zuletzt das Wahlverhalten). Das von Chris Hann, Direktor der Abteilung "Resilienz und Transformation in Eurasien", initiierte Forschungsnetzwerk Sozialanthropologie der Visegrád-Staaten soll dazu beitragen, diesen Mangel zu beseitigen und neue Einblicke in die Realitäten dieser Länder bieten. Am Montag, dem 9. Oktober 2017 fand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung das Gründungstreffen des Visegrád Anthropologists’ Network (V4Net) statt.

Teilnehmer am Gründungstreffen des Visegrád Anthropologists’ Network (V4Net) (von links nach rechts): Michael Stewart (University College London) ■ Agnieszka Halemba (Universität Warschau) ■ Elena Soler (Karls-Universität, Prag) ■  László Kürti (Universität Miskolc) ■ Bertalan Pusztai (Universität Szeged) ■ Marcin Lubaś (Jagiellonen-Universität, Krakau) ■ Nicolette Makovicky (University of Oxford) ■ Daniel Sosna (Westböhmische Universität, Pilsen) ■ Chris Hann (Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle/Saale) ■ Bettina Mann (Forschungskoordinatorin, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle/Saale) ■ Juraj Buzalka (Comenius-Universität, Bratislava) ■ Tatjana Thelen (Universität Wien) ■ Margit Feischmidt (Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest) ■ Frances Pine (Goldsmiths, University of London)

Wahrnehmungen, Realitäten und ihre gesellschaftlichen Ursachen
Die Visegrád-Staaten kommen seit 2004 in den Genuss aller Vorteile einer EU-Mitgliedschaft. Wenn es jedoch darum geht, die 2015 ausgebrochene "Migrantenkrise" gemeinsam zu bewältigen, sind sie eher zurückhaltend. Es ist aber bei weitem nicht nur der Mangel an politischer Solidarität mit der EU, der kritisch gesehen wird. Westliche Politiker und Journalisten beklagen den Mangel an Empathie mit Flüchtlingen und über die ungezügelte Fremdenfeindlichkeit in Ostmitteleuropa. Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński werden als Demagogen dargestellt, die die Medien manipulieren und die Verfassung ändern, um die Unabhängigkeit der Justiz zu untergraben. Eine Generation nach dem Zusammenbruch des Sozialismus scheint die Demokratie wieder in Gefahr zu sein.

"Solche gedanklichen Kurzschlüsse und Stereotypen müssen hinterfragt werden", sagt Prof. Dr. Chris Hann. "Ich bin besonders daran interessiert, innerhalb der Visegrád-Staaten den sozialen Wandel auf der Mikroebene zu verfolgen. Viele Sektoren, die einen hohen Anteil von Arbeitsmigranten aus den V4 beschäftigen, sind gut dokumentiert, von der Landwirtschaft über die städtische Gastronomie zum privaten und öffentlichen Pflegedienst. Die wesentlichen Ursachen der Auswanderung sind klar: Selbst wenn es im Heimatland Arbeit gibt, sind die Löhne so miserabel, dass sie nicht zum Leben reichen. Wir wissen allerdings recht wenig darüber, was in den Familien und Nachbarschaften in den Dörfern und Kleinstädten passiert, die von den Migranten verlassen werden." Auf dem Gründungstreffen des Netzwerks in Halle haben Forscher aus den vier Visegrád-Staaten gemeinsam mit Osteuropa-Experten aus dem Westen über den gegenwärtigen Forschungsstand diskutiert und darüber, welche Themenfelder künftig im Fokus des V4Net stehen sollen.

"Im Augenblick ziehen die rechtspopulistischen Bewegungen in Osteuropa große Aufmerksamkeit von Ethnologen und anderen Wissenschaftlern auf sich", sagt Hann. "Das ist richtig und gut so, denn es ist ein wichtiges Thema. Aber um es angemessen zu erfassen, müssen wir den Blick erweitern. Es gibt viele Gebiete, auf denen wir dringend mehr Forschung brauchen. Beispielsweise wissen wir wenig darüber, welche Auswirkungen EU-Transferzahlungen oder transnationale Investoren wie Mercedes-Benz auf lokale Gemeinschaften haben. Die Entlohnung, Zahlungsmoral und Steuerstrategien in Unternehmen einheimischer Eigentümer sollen untersucht werden, wo Kontinuitäten der Schattenökonomie des Sozialismus vielerorts noch zu spüren sind. Erinnerungskulturen und Nostalgie, die Manipulation historischer Symbole, das Branding ausgewählter nationaler Produkte und die Inszenierung neuer Rituale sind bereits gut erforscht worden. Aber auch auf den Gebieten der Subjektivität und der Emotionen brauchen wir in der zweiten postsozialistischen Generation innovative ethnologische Forschungen. Vielleicht sollten wir uns mehr den Erwartungen und Ansprüchen jüngerer Kohorten widmen."

Ziel ist es, mit empirischen Projekten, die sowohl die politische Ökonomie als auch den Wandel sozialer Beziehungen und Konzepte der Person untersuchen, eine solide Grundlage zu schaffen, um umfassende konzeptionelle Fragen nach Vertrauen und Moral zu beantworten. Und dies in Staaten, die es gewohnt waren, sich am Rande des sowjetischen Imperiums zu bewegen, und die sich nun von der EU und dem globalen Kapitalismus erneut marginalisiert wiederfinden.

Kontinuierliche Zusammenarbeit mit Visegrád-Spezialisten
Mit dieser Initiative wird ein neues Netzwerk ins Leben gerufen, das in den Jahren 2017–2021 Forscher führender Einrichtungen für ethnologische Forschung in den V4-Staaten in engeren Kontakt bringen soll. Dabei ist sowohl an etablierte Wissenschaftler als auch an Postdocs und Doktoranden gedacht. Neben individuellen Gastaufenthalten an den beteiligten Instituten werden auch Konferenzen und kleinere Workshops regelmäßig stattfinden. "Mitglieder des Netzwerks sind herzlich eingeladen, als Gastwissenschaftler einige Zeit am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung zu verbringen, um an ihren eigenen Projekten zu arbeiten und unsere Wissenschaftler bei ihrer Arbeit zu unterstützen", sagt Hann.

Teilnehmer des Gründungstreffens:
Buzalka, Juraj (Comenius-Universität, Bratislava)
Feischmidt, Margit (Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest)
Halemba, Agnieszka (Universität Warschau)
Hann, Chris (Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle/Saale)
Kürti, László (Universität Miskolc)
Lubaś, Marcin (Jagiellonen-Universität, Krakau)
Makovicky, Nicolette (University of Oxford)
Mikuš, Marek (Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle/Saale)
Pine, Frances (Goldsmiths, University of London)
Pusztai, Bertalan (Universität Szeged)
Soler, Elena (Karls-Universität, Prag)
Sosna, Daniel (Westböhmische Universität, Pilsen)
Stewart, Michael (University College London)
Thelen, Tatjana (Universität Wien)

Gründungsmitglieder, die nicht anwesend waren:
Broz, Ludek (Tschechische Akademie der Wissenschaften, Prag)
Buchowski, Michał (Adam-Mickiewicz-Universität, Posen))
Henig, David (University of Kent at Canterbury)
Lis, Aleksandra (Adam-Mickiewicz-Universität, Posen)
Malewska-Szałygin, Anna (Universität Warschau)

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