Philipp Schröder erhält den Forschungspreis Ethnographie

13. Mai 2019

Für sein Buch „Bishkek Boys. Neighbourhood Youth and Urban Change in Kyrgyzstan's Capital” erhält Philipp Schröder, der von 2006–2011 Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung ‚Integration und Konflikt‘ am MPI war, den Forschungspreis Ethnographie des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Fulda. Der Preis wird im Rahmen der 7. Fuldaer Feldarbeitstage am 5. Juli 2019 überreicht.

Dr. Philipp Schröder: Gewinner des Forschungspreises Ethnographie 2019

Das preisgekrönte Buch „Bishkek Boys“ basiert auf Schröders Dissertation, die in seiner Zeit am MPI entstanden ist und von Prof. Günther Schlee betreut wurde. Schlee: „Ich freue mich sehr, dass es einen solchen Preis für Ethnographie gibt. Die ethnographische Monografie ist immer noch unser wichtigstes Genre. An den Arbeiten, die zu Klassikern geworden sind, sieht man, dass es die facettenreiche Ethnographie ist, die für eine lange Rezeptionsgeschichte eines Buches sorgt. Theoretische Perspektiven wechseln und insbesondere terminologische Schein-Innovationen, die sich als Theorie gebärden, haben nur eine kurze Lebensdauer. Eine reichhaltige Ethnographie bietet jedoch Anschauung und Diskussionsmaterial für die unterschiedlichsten Fragestellungen aus unterschiedlichen theoretischen Blickrichtungen. Philipp Schröders Buch ist eine solche reiche Ethnographie.“

Die Jury, die den Forschungspreis Ethnographie 2019 verliehen hat, ist der Auffassung, dass „Dr. Schröder ein ungemein facettenreicher, sensibler und zugleich analytischer Schnappschuss einer sozialen 'Kippsituation' für eine Jugend-Nachbarschaft eines Stadtteils in Bishkek aus einer 18monatigen (existentiellen) Teilnahme heraus, von dem aus sich Fragen der Verfasstheit der kirgisischen Gesellschaft im postsowjetischen Umbruch stellen“ gelungen ist.

Wir haben Philipp Schröder im Vorfeld der Preisverleihung zum Inhalt seines Buches befragt:

Herr Schröder, herzlichen Glückwunsch zum Forschungspreis Ethnographie für Ihr Buch „Bishkek Boys“. Worum geht es darin?
Es geht zuerst um eine überschaubare Gruppe junger Männer in Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans. Diese haben gemeinsam, dass sie alle in derselben Nachbarschaft aufgewachsen sind, einem Plattenbauviertel aus der Sowjetzeit. Die Kapitel des Buches versuchen dann ein Panorama der sozialen Beziehungen und Identifizierungen nachzuzeichnen, wie sie zwischen diesen Jungs bestanden. Dabei werden Themen wie der „eigene Hof“, Freundschaft und Solidarität angesprochen, aber auch soziale Exklusion, generationale Hierarchien oder Jugendgewalt.

Und welches Ergebnis hatte Ihre Analyse der sozialen Beziehungen?
Letztlich wird nachvollziehbar, dass sich die Nachbarschaft zur Zeit meiner Feldforschung in den Jahren 2007/2008 in einem Wandel befand. Durch eine starke Zuwanderung nach Bischkek aus den ländlichen Gebieten Kirgistans, aber auch durch eine anders ausgeprägte Jugendkultur, verlor die Nachbarschaft nach und nach ihre Bedeutung als Ressource für soziale Integration und Identifizierung. Einige der jungen Männer schwärmten zwar noch nostalgisch von der „guten alten Zeit unserer Nachbarschaft“. Aber auch für diese hatte sich die Orientierung bereits verlagert: weg von der sehr lokalen Ebene der Nachbarschaft und hin zur umfassenderen Frage wer in Bischkek „echter Städter“ oder „zugezogener Dörfler“ war.

Woher kommt ursprünglich Ihr Interesse an Bischkek?
Seit meinem ersten Aufenthalt im Jahr 2002 faszinierte mich die urbane Jugend dort. Während der Sowjetzeit, als die Stadt noch Frunze hieß, dominierte die russische Sprache in der Öffentlichkeit und der Großteil der Einwohner waren ethnische Russen, Ukrainer, Deutsche und andere sogenannte „Europäer“. Mit der Unabhängigkeit 1991 und dem Einsetzen der erwähnten Land-Stadt-Migration veränderte sich das städtische Leben erheblich. Weniger als 15 Jahre später hatte sich die Bevölkerung Bischkeks verdoppelt, die Kirgisen bildeten nun die Mehrheit, und auch Russisch war nicht mehr eindeutig die vorherrschende Sprache dieser Stadt.

Welche Folgen hatte diese Veränderung für die Stadt?
Neben der sozialistischen Architektur waren durch den Übergang zu einer freien Marktwirtschaft nun auch die schmucken Häuser der „neuen Reichen“ aufgetaucht, ebenso wie Armensiedlungen am Stadtrand ohne Strom, Gas und fließendes Wasser. Russland blieb in vielen Bereichen relevant für Kirgistan, aber es war auch zu einer Öffnung in Richtung „Westen“ gekommen. Dies ließ nicht nur die dichteste NGO-Landschaft Zentralasiens entstehen, sondern wirkte sich auch auf den Konsum von Musik, Filmen und anderen Kulturprodukten aus. Außerdem bestand ein verstärktes Interesse an verschiedenen Strömungen des Islams und der wachsende Einfluss des großen Nachbars China war überall greifbar. Diese Zeit war auch auf besondere Weise politisiert. Seit einem Machtwechsel 2005 stand die Frage im Raum: Würden sich die erhofften Veränderungen einstellen oder würde die Bevölkerung weiterhin von ihrer Elite enttäuscht werden? Wie junge Männer und Frauen sich in einer derart vielfältigen und dynamischen Umgebung orientieren und ihren Alltag gestalten, darüber wollte ich gerne mehr erfahren.

Wann haben Sie begonnen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen?
Man könnte sagen, dass nach dieser ersten Faszination im Jahr 2002 die gedankliche Auseinandersetzung damit begann. Der Hauptteil der ethnographischen Arbeit geschah dann jedoch während der stationären Feldforschung in den Jahren 2007–2008.

Haben Sie jetzt noch Kontakt zu den Männern, über die Sie in Ihrem Buch schreiben?
Ja, ich reise nach wie vor mehrmals pro Jahr nach Kirgistan, und deshalb ist der Kontakt zu den jungen Männern aus dieser Nachbarschaft nie abgerissen. Ich begleite sie also weiter, nun eher als Freund denn als Ethnologe. Inzwischen sind sie beinahe alle verheiratet, die meisten haben mehrere Kinder - und natürlich haben sie sich in den 12 Jahren seit unserem ersten Aufeinandertreffen ein beträchtliches Stück von der Lebenswelt ihrer Jugend entfernt.

In welchem wissenschaftlichen Kontext ist das Buch entstanden?
Der entscheidende institutionelle Kontext war die Arbeit an meiner Dissertation in der Abteilung „Integration und Konflikt“ am MPI für ethnologische Forschung ab 2006. Der relevante inhaltliche Kontext war einerseits, dass es zu dieser Zeit nur wenige KollegInnen gab, die sich in der Region Zentralasien explizit mit Stadtethnologie beschäftigten. Ähnliches galt für eine ethnologische Perspektive auf Jugend. Hier war Kirgistan zwar im Begriff ein interessantes Feld zu werden. Dies konzentrierte sich, im Nachgang des erwähnten Machtwechsels im Jahr 2005, aber besonders auf die Jugend als mögliche politische Kraft und ihre Teilhabe an gesellschaftlichen Umbrüchen. Mich hingegen interessierte mehr der „nicht-revolutionäre“ Alltag von Jugendlichen.

Welche neuen Erkenntnisse vermittelt das Buch?
Für mich persönlich war zunächst wichtig, dass durch meine ethnografischen Beschreibungen die Vielschichtigkeit der sozialen Beziehungen zwischen diesen jungen Männern anschaulich wird, ebenso wie die grundlegenden Prinzipien anhand derer sich ihr Leben organisierte.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Ein Beispiel wäre, dass junge kirgisische Männer, mit teilweise nur 2 Jahren Altersunterschied, sich verschiedenen „Nachbarschaftsgenerationen“ zuordneten. Alle außerhalb der eigenen Generation bezeichneten sie dann als jüngere oder ältere Brüder – und der soziale Austausch mit diesen war stets geprägt von den Begriffen „Respekt zu zeigen“ und „Verantwortung zu übernehmen“. Diese Bruderschaften erwiesen sich als sehr belastbare Verbindungen, um kleinere oder größere Herausforderungen zu meistern, und waren somit für junge Männer eine attraktive Ergänzung zu den Gruppen der gleichaltrigen Freunde oder der eigenen Verwandtschaft.

Geht Ihre Beschreibung und Analyse auch über die Mikroebene der Nachbarschaftsbeziehungen hinaus?
Im Verlauf der Kapitel verdichten sich die Beschreibungen zu einer Art Stadtgeschichte Bischkeks, erzählt aus der Perspektive der langjährigen Bewohner einer Nachbarschaft. Die Verbindungslinien zu den größeren Entwicklungen in Kirgistan treten damit ebenso hervor. Die starke Migration aus dem ländlichen Raum etwa bedeutete für diese Nachbarschaft, dass alteingesessene Familien wegzogen, während die „neuen Zuwanderer“ keine Bindung zu dieser spezifischen Lokalität und ihrer Geschichte anstrebten. Gleichzeitig führte Kirgistans moderater wirtschaftlicher Aufschwung und die Verfügbarkeit neuer elektronischer Unterhaltungsmedien dazu, dass sich die nächste Jugendgeneration den regelmäßigen Besuch von Computer- und Internetclubs leisten konnte. Dadurch allerdings ging das Interesse am direkten, nicht-virtuellen Austausch im eigenen Hof der Nachbarschaft verloren.

Für wen ist das Buch interessant und wer sollte es lesen?
Ich würde sagen, das Buch ist insbesondere interessant für alle, die sich für die Innensichten und Lebenspraktiken von Jugendlichen in Kirgistan interessieren, und dafür, wie sich diese in der urbanen Kultur und Umwelt Bischkeks verorteten. Außerdem bietet das Buch etwas für diejenigen, die nachvollziehen wollen, wie genau gesamtgesellschaftliche Entwicklungen in Kirgistan die etablierten sozialen Gefüge in der Hauptstadt veränderten, wie dadurch neue Diskursthemen hervortraten und gängige Konflikt- und Integrationslinien verschoben wurden. Zuvorderst besteht das Publikum des Buches wohl aus EthnologInnen und VertreterInnen anderer Disziplinen mit einem Regionalbezug zu Kirgistan, Zentralasien oder dem postsowjetischen Raum. Darüber hinaus könnten aber auch Praktiker aus der Entwicklungszusammenarbeit oder der Lokalpolitik verwertbare Einsichten aus dem Buch ziehen.

Und woran arbeiten Sie jetzt gerade?
Ich arbeite an einer Monographie zum Thema Handel und Unternehmertum in Eurasien. Hierfür habe ich seit 2013 Feldforschungen in Kirgistan, Russland und China durchgeführt. Genauer geht es um kirgisische Basarhändler in Sibirien, um kirgisische Mittelsmänner in Südchina und um junge Unternehmer in Kirgistan selbst. Mich interessiert hierbei besonders, wie diese erste „kapitalistische Generation“ nach dem Ende der Sowjetunion sich im Laufe der Zeit mit regional variierenden Formen des Wirtschaftens arrangierte; und wie sie als Repräsentanten einer „neuen Mittelklasse“ ihren wirtschaftlichen Aufstieg mit Mobilität, Ethnizität, sozialer Einbettung und anderen nicht-materiellen Aspekten in Verbindung bringen. In einer Gegenwart von transregionalen, staatlichen Initiativen wie Chinas neuer Seidenstraße oder der von Russland angeführten „Eurasischen Wirtschaftsunion“ scheint mir ein Blick auf solche Akteure unabdingbar, die zwar einem „kleinen Land“ zugehörig sein mögen, die aber dennoch nicht vorschnell als marginal abgelegt werden sollten.

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