Technik-Optimismus

22. Juni 2020
Identifizierung von Sozialhilfeempfängern an der offiziellen Lebensmittelausgabestelle

Um den Anschluss an eine imaginierte Modernität nicht zu verlieren und ihre Länder in die Zukunft zu katapultieren, fördern Politiker weltweit innovative Technologien. Selten erfüllen sie die an sie gestellten hohen Erwartungen, und in jedem Fall zeitigen sie vielfältige Folgen. Neue Technologien erfordern eine Anpassung sozialer Systeme, und sie verändern stabil geglaubte Strukturen, z.B. das komplexe Geflecht von Staat, Markt und Bürger. Aus ethnologischer Perspektive erscheint die Einführung neuer Technologien als ein Prozess der Übersetzung, der Maschinen in unzähligen Mikroanpassungen zum Bestandteil eines neuen Alltags macht und die Bezüge zwischen Menschen, Dingen und Institutionen dauerhaft verändert. Die sozialwissenschaftliche Analyse dieser Prozesse führt zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen, wie am Beispiel der Digitalisierung deutlich wird. Während manche Studien besonders die Gefahren digitaler Überwachung hervorheben, indem sie zeigen, wo digitale Kommunikation individuelle Freiheit einschränkt und welche Probleme im Bereich Datensicherheit und Datenschutz ungelöst bleiben, thematisieren andere Arbeiten die positiven Effekte. Studien veranschaulichen die demokratisierende Wirkung des digitalen Austausches oder diskutieren dessen Fähigkeit, die Marginalisierung bestimmter Gruppen zu mildern. Aus Sicht verschiedener Interessengruppen sind alle Technologien ambivalent, und weil ihre Einführung gewohnte Routinen stört und diese Störung keinesfalls durchgängig positiv eingeschätzt wird, führt Innovation zwangsläufig zur Kritik. Menschen protestieren gegen neue Formen der Überwachung oder stellen frustriert fest, dass Modernisierungsversprechen nicht eingelöst wurden.

Die Arbeitsgruppe „Technik-Optimismus“ untersucht die vielgestaltigen Auswirkungen der Einführung neuer Technologien, die Reflektion dieser Auswirkungen in sozialen Prozessen und die Veränderungen, die sich aus der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung und ihren Diagnosen ergeben. Es entsteht ein Verständnis für das Tauziehen zwischen der konservierenden Wirkung von Routinen und der mobilisierenden Kraft von Utopien. Konkret analysieren wir Projekte zur Einführung biometrischer Verwaltungsprozesse in Indien, den Einsatz von Apps in der Gesundheitsversorgung, den Umbau von Städten zu Smart Cities oder die technologische Aufrüstung zur Beobachtung des Alls und des Sternhimmels über Afrika.

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