Das Alumni-Interview: 10 Fragen an Monica Heintz

27. August 2020

In loser Reihenfolge veröffentlichen wir an dieser Stelle Interviews mit Alumni des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung. Wir wollen wissen, wo sie leben und arbeiten, woran sie forschen und welche Rolle die Zeit am MPI für sie heute noch spielt. Und sie erzählen uns, welchen Rat sie ihren Studieren mit auf den Weg geben und welches Buch sie in letzter Zeit beeindruckt hat.

Monica Heintz – Postdoc in der Abteilung Resilienz und Transformation in Eurasien von 2003 bis 2005 – hat heute eine Professur an der Universität Paris Nanterre.

1. Von wann bis wann waren Sie am MPI und was haben Sie hier gemacht?
Von 2003 bis 2005 war ich Postdoc am MPI in der Abteilung ‚Resilienz und Transformation in Eurasien‘. Ich habe in einem vergleichenden Projekt über die religiöse und moralische Erziehung im postsozialistischen Rumänien und der post-sowjetischen Republik Moldau gearbeitet.

2. Wo sind Sie jetzt und was machen Sie dort?
Ich bin Professorin für Anthropologie an der Universität Paris Nanterre und derzeit Co-Direktorin des Laboratoire d'Ethnologie et de Sociologie Comparative (CNRS/Universität Paris Nanterre).

3. Wie sehr hat Ihre Tätigkeit am MPI Ihre jetzige berufliche Situation geprägt?
Die Zeit am MPI bot mir nicht nur die Gelegenheit, im Anschluss an meine Promotion in ein neues Thema und Forschungsgebiet einzutauchen. Sie ermöglichte es mir auch, dass ich mich mit einem der Themen, die sich während meiner Dissertation herausgebildet haben, der Ethik und Moral, eingehender und systematischer beschäftigen konnte. Und damit beschäftige ich mich auch heute noch.

4. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an die Zeit am MPI zurückdenken?
Am MPI habe ich gelernt, wie man in einer Gemeinschaft arbeitet und vergleichende Feldforschung als Grundlage für Verallgemeinerungen und Theorien nutzen kann. Dies hat dann in der Folge die Art und Weise beeinflusst, in der ich meine Forschung weitergeführt habe, sei es durch die Anleitung von Master- und Promotionsstudierenden oder durch die Arbeit an gemeinsamen Publikationen. Die Beziehungen, die sich während dieser Zeit zu meinen Kolleginnen und Kollegen entwickelt haben, waren sehr stark. Und auch wenn wir inzwischen durch Raum und Zeit voneinander getrennt sind, so sind diese Beziehungen auch jetzt noch die Basis dafür, dass wir jederzeit sofort an gemeinsamen Projekten arbeiten können.

5. Haben Sie noch Kontakt zum MPI und wenn ja, welchen und zu wem?
Aus naheliegenden Gründen, die durch die strukturelle Fluktuation der Forscher am MPI bedingt sind, habe ich mehr Verbindungen zu Alumni des MPI als zu den aktuellen Forscherinnen und Forschern. Eine Ausnahme ist Chris Hann, der mich seit meinem Abschied vom MPI freundlicherweise stets auf dem Laufenden hält, indem er mir Institutsberichte, Bücher und Informationen zu neuen Projekten zukommen lässt und mich zu den ERC-Konferenzen „Realising Eurasia“ eingeladen hat. Außerdem arbeite ich auch mit Patrick Heady als Mitherausgeberin der Berghahn-Reihe „Anthropology of Europe“ zusammen. Gemeinsam mit Tatjana Thelen, einer weiteren MPI-Alumna, plane ich im nächsten Jahr eine Konferenz über Fürsorge und Moral. Und ich habe mich während meiner Zeit am MPI und auch danach auf Konferenzen intensiv mit den Kolleginnen und Kollegen ausgetauscht, die am MPI waren, weil das gegenseitige Vertrauen in unsere Forschungsmethoden und unser wissenschaftliches Ethos groß ist.

6. Woran forschen Sie im Augenblick?
Vor kurzem habe ich damit begonnen, mich mit der Ethik der kulturellen Repräsentation und insbesondere mit der Ethik der bewegten Bilder zu beschäftigen. Das hat mich einerseits konkret zur Erforschung von Filmen geführt, die während der Kolonialzeit in Afrika entstanden sind und andererseits zur Beschäftigung mit der schwierigen Wiederaneignung dieser Repräsentation durch lokale Wissenschaftler, Künstler und Gemeinschaften in der heutigen Zeit. Aber die Covid-Krise ist ein echtes Hindernis für die Fortführung dieses Projekts mit unseren afrikanischen Kolleginnen und Kollegen. Deshalb freue ich mich, dass ich parallel dazu ein anderes – von der französischen Nationalen Forschungsagentur finanziertes – Projekt habe, in dem unser Team darüber forscht, welcher Weg aus ethischer und praktischer Sicht am besten geeignet ist, um anthropologische Daten zu „öffnen“, unabhängig davon, ob sie in der Vergangenheit erhoben wurden oder in Zukunft erhoben werden.

7. Was planen Sie in der Zukunft?
Ich möchte auf eines meiner ersten Forschungsthemen zurückkommen: die in wirtschaftlichen Krisen der Arbeit zugrunde liegenden Werte. Damals habe ich ausschließlich auf der Basis ethnographischer Forschung im postsozialistischen Rumänien gearbeitet. Jetzt möchte ich dazu vergleichend forschen, aber auch Erkenntnisse aus der kognitiven Werteforschung nutzen, um zu verstehen, wie sich Werte in Krisenzeiten allgemein verändern. Das kann ich nicht alleine machen, deshalb soll es ein Gemeinschaftsprojekt werden.

8. Warum sind Sie Ethnologin geworden?
Mit 18 Jahren habe ich mein Heimatland Rumänien in Richtung Frankreich verlassen und einen Kulturschock erlebt. Ich habe aber auch gesehen, wie groß die Welt ist und wie viel es zu entdecken gibt. Man darf nicht vergessen, dass wir im sozialistischen Rumänien in den 1980er Jahren nicht reisen durften und dass es im Jahr 1990 noch starke Beschränkungen bei der Erteilung von Visa gab. Deshalb schienen mir die Art von Geschichten, auf die Forscher oder Anthropologen stoßen, unerreichbar und unglaublich reizvoll. Als ich dann später feststellte, dass sogar Touristen dorthin gehen konnten, wo Anthropologen hingehen, wusste ich schon genug über Anthropologie, um die Zeit, die man an einem Ort verbringt, in ganz besonderer Weise schätzen zu können. Und ich habe gesehen, was die tiefe Kenntnis der Sprache, der Kultur und vor allem der Menschen bewirken kann.

9. Was würden Sie heutigen Studierenden der Ethnologie raten?
Sie sollten Geduld haben mit ihrem Forschungsgegenstand oder Feld und sie sollten kreativ sein. Das scheint mir am wichtigsten, um die Dinge auch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Wir forschen heute in einer Welt, die bereits gründlich erforscht wurde – von Geographen, Ökonomen, Politologen und Soziologen. Der spezifisch ethnologische Beitrag zu diesem bereits vorhandenen Wissen basiert auf der Kenntnis über kulturelle Vielfalt, der Vertrautheit mit unseren Partnern, mit denen wir viel Zeit im Feld verbringen, und auf unserem kreativen Gebrauch einer ganzheitlichen Perspektive, die es uns erlaubt, das soziale Leben auf neue und gewinnbringende Weise zu interpretieren. Das erfordert Geduld und Liebe zu den Menschen während der Feldforschung und Geduld und Liebe zu den Worten während der Schreibperiode. Beides sollte sorgsam gepflegt werden.

10. Welcher Text – Buch oder Artikel – hat Sie in letzter Zeit beeindruckt?
Eines der Bücher, die ich selbst in letzter Zeit recht häufig zitiert habe, war „Faites danser votre cerveau“ (Bring dein Gehirn zum Tanzen) von Lucy Vincent (erschienen bei Odile Jacob, Paris, 2018), einer Neurobiologin, die sich in diesem ungewöhnlichen Buch auf ethnographische Methoden stützt. Sie erinnert uns an die Bedeutung des Körpers, der Gedanken, Diskurse und Handlungen hervorbringen kann und daran, dass wir als Anthropologen dies bei unseren theoretischen Überlegungen manchmal vergessen. Wohingegen uns dieser Zusammenhang in der praktischen Forschung aber stets bewusst ist: Die gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnisse mit unseren Informanten sind die Grundlage dessen, worum es bei der Ethnographie geht.

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