MoLab: ein Laboratorium für Mobilität, Lebensgrundlagen und Wohlergehen

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Mobilität ist zu einer Grammatik unserer Wirtschaft geworden. Die miteinander verwobenen Mobilitäten von Menschen und Dingen über kurze oder lange Strecken, aus alltäglichen und lebensentscheidenden Gründen prägen unser kollektives Leben auf maßgebliche Weise. Durch das Prisma der Mobilität verschärft sich unser Blick für die Funktionsweise grundlegender ökonomischer Kategorien wie Arbeit, Wert, Eigentum, Währung und Zugang – wie sie in der Praxis funktionieren, und wie sich Experimente und Anpassungen vor Ort entfalten.
Mobilität ist Gegenstand von Governance, aber auch Werkzeug der Regulierung. COVID-19 verwandelt die Welt in ein globales Labor für die Regulierung von Mobilität. Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist die am weitesten verbreitete Antwort der Politik auf die Pandemie, aber die konkreten Maßnahmen variieren je nach Land ziemlich stark; somit sind die gesellschaftlichen Reaktionen, die sie auslösen sowie ihre Ergebnisse entsprechend divers. MoLab dokumentiert und analysiert diese politischen Herangehensweisen und ihre Auswirkungen, um die komplexen Folgen für verschiedene Bevölkerungsgruppen aufzudecken.
Auf dieser Basis erarbeiten wir allgemeinere Hypothesen über die langfristigen Zusammenhänge zwischen Mobilität, Existenzsicherung, Politik und Wohlergehen. Ein weiteres Anliegen von MoLab ist die Förderung von wissenschaftlich informierten öffentlichen Diskussionen über COVID.


MoLab besteht zunächst aus drei Teilprojekten:

I.    Das MoLab-Inventar
Im MoLab-Inventar werden detaillierte Informationen über die Maßnahmen zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit sowie über die damit verbundenen gesellschaftlichen Reaktionen in zehn Ländern gesammelt. Während der Fokus des Inventars auf qualitativen Daten liegt, die die Verbindungen zwischen politischen Entscheidungen und dem Verhalten der Bevölkerung nachzeichnen, werden darüber hinaus Big Data zu menschlicher Mobilität (wie sie etwa von Google, Apple, Mobiltelefonlisten generiert werden) miteinbezogen. Als unmittelbare Reaktionen lösen Lockdowns beispielsweise Panik und Flucht aus. Wir untersuchen die Kernmerkmale dieser „Gegenbewegungen“ in Hinsicht auf ihre Größe, ihren Zielort und ihre demographische Zusammensetzung sowie ihre Beweggründe, Ausgangs- und Endpunkte.

II.    Mobile Lebensgrundlagen
COVID-19 führt deutlich vor Augen, wieviele Menschen auf der Welt zur Sicherung ihrer Lebensgrundlage auf Mobilität angewiesen sind: Fahrer*innen, Lieferant*innen und Boten, Straßenverkäufer*innen, Wartungstechniker*innen, Sexarbeiter*innen, Obdachlose, Straßenkinder und viele Andere. Bewegung bildet die Basis ihrer Arbeit und Überlebenssicherung. Sie ermöglichen die Bewegung anderer Menschen (Fahrer*innen) oder setzen sich selbst im Auftrag von anderen (Kuriere) in Bewegung. Obwohl eine der „traditionellsten“ Lebensweisen, sind mobile Formen zur Sicherung der Lebensgrundlagen heutzutage stark vermittelt, vor allem durch große digitale Plattformen.
Ausgangspunkt dieses Projekts ist die Frage, wie Gruppen mit typischen mobilen Lebensweisen die aufgezwungene Immobilität in China, Indien und den Vereinigten Staaten überlebt haben, und welche neuen Muster von mobilen Lebensgrundlagen in diesem Prozess entstehen. Anhand einer breiten Palette von Fallstudien werden wir allgemeine Rahmen erarbeiten, die als Grundlage für künftige Forschung über mobilitätsbasierte Ökonomien dienen können.

III.    Schockmobilitäten
Anhand historischer und ethnographischer Belege beschäftigt sich dieses Projekt über die jüngste Krise hinaus mit den Mobilitätsauswirkungen von großen Erschütterungen wie Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen. Im Zuge dieser Schocks sind neue Mobilitätsmuster entstanden, beispielsweise umgekehrte Migrationsströme aus den Städten in ländliche Gebiete oder permanente Wanderung ohne Ziel. Solche Mobilitäten können Leben retten, aber sie können auch Rettungsaktionen erschweren und möglicherweise langfristige Folgen für die Lebensgrundlagen und das Wohlbefinden der Akteure haben. Die bisherige Forschung über diese Themen fokussiert überwiegend entweder auf Ursachen (z.B. „Umweltmigration“ oder „Notmigration“) oder auf Lösungen (Ansiedlung von Flüchtlingen), der Prozess der Bewegung selber wird außer Acht gelassen. Die Literatur über Zwangsmigration betont die Unfreiwilligkeit der Bewegung and blendet dabei die Tatsache aus, dass nicht alle in eine Notlage geratenen Menschen sich für die Migration entscheiden oder auf gleiche Weise migrieren. Die Muster, Dauer, Dichte, demographische Zusammensetzung und die zeitlichen Dynamiken von Schockmobilitäten sind nach wie vor in vielen Fällen eine Black Box.

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