Ethnologie trifft auf Comics

25. März 2021

Biao Xiang, Direktor der Abteilung ‚Anthropologie des ökonomischen Experimentierens: Frontiers of Transformation‘, wurde kürzlich in einem populären Comic vorgestellt. Unter dem Titel Bullshit Jobs (in China) versammelt das Zine eine Reihe von Webcomics von Krish Raghav, zusammen mit einem theoretischen Nachwort, das über die Ursprünge des weit verbreiteten Stresses und der Desillusionierung der chinesischen Jugend über ihr Arbeitsleben reflektiert.

Bullshit Jobs (in China)
Bullshit Jobs (in China)

Der Comic zitiert Auszüge aus einem Interview, das Xiang auf der chinesischen Medienplattform The Paper (23.10.2020) gegeben hat, das hunderttausendfach gelesen wurde und auf der Partnerplattform The Sixth Tone auf Englisch verfügbar ist. In dem Interview zeichnet Xiang die Geschichte des Wortes "Involution" nach, eines obskuren anthropologischen Konzepts, das in jüngster Zeit zu einem Modewort in gesellschaftlichen Debatten in China geworden ist. In der Wirtschaftsanthropologie bedeutet Involution, dass ein zunehmender Aufwand (Input) dazu führt, dass die Abläufe komplizierter werden, anstatt den Ertrag (Output) zu erhöhen, was wiederum zu Stagnation führt. Seit Mitte 2020 steht der Begriff „Involution“ in den chinesischen sozialen Medien als Synonym für einen ständigen Leistungsdruck, der aber nicht zu einer spürbaren Verbesserung des Lebens führt. Xiang weist darauf hin, dass diese Aneignung des Begriffs als kreativer Ausdruck einer bestimmten Art von Angst verstanden werden sollte, die unter der chinesischen Jugend weit verbreitet ist. Diese Angst ist auf den harten sozialen Wettbewerb zurückzuführen, in dem nur wenige gewinnen können, aber „es gibt keinen Ausweg aus diesem endlosen Kreislauf der Selbstgeißelung", sagt Xiang in dem Comic. Der Wettbewerb um ein besseres Leben ist zu einer moralischen Verpflichtung geworden. „Wenn man auf der sozialen Leiter absteigt, begeht man im Grunde einen moralischen Verrat“, erklärt Xiang.

"Biao Xiangs Arbeit hat mich wirklich sehr beeindruckt, weil sie ein Vokabular bereitstellt und einen Rahmen, um Ereignisse zu verstehen, die man jeden Tag beobachten kann", sagt Krish Raghav. "Sie verbindet die unterschiedlichen Alltagserfahrungen miteinander und ermöglicht es, komplizierten Phänomenen einen Sinn zu geben." Zu diesen Erfahrungen gehören insbesondere die "Bullshit-Jobs" – ein Begriff, der vom Anthropologen David Graeber geprägt wurde –, die in dem Webcomic vorgestellt werden. Xiangs Arbeit, so Raghav, beleuchtet „die Begegnungen mit der Klassengesellschaft und den Privilegien in Peking, die Sprache, die online im Trend liegt, wenn von der Arbeit die Rede ist, und die Nachrichten, die wir über Arbeit und Arbeitsbedingungen lesen."

Der Wettbewerb hat sich besonders verschärft, weil, so Xiang, verschiedene Aspekte des Lebens – der Bildungsstand, der wirtschaftliche Status und die Heiratsaussichten – in der heutigen chinesischen Gesellschaft eng miteinander verknüpft seien. Die gängigen Kriterien zur Beurteilung dessen, was es heißt, ein gutes Leben zu führen, werden immer homogener. Das steht nicht nur im Widerspruch zu den klassischen soziologischen Theorien, die davon ausgehen, dass die Differenzierung zwischen den Tauschsphären im Zuge der Modernisierung immer weiter fortschreitet. Das bedeutet, dass verschiedene Arten von Gütern – etwa grundlegende Subsistenzgüter wie Süßkartoffeln und Luxusgüter wie schicke Kleidung – nicht austauschbar sind, sondern nur innerhalb ihrer eigenen Sphäre gehandelt werden können. In vielen Gesellschaften ist die Sphäre der Subsistenz ein Bereich der Zusammenarbeit, wohingegen Konkurrenz vor allem in der Sphäre des Prestiges zu beobachten ist. Aber wenn der soziale Wettbewerb allumfassend wird, dann gibt es keinen Ausweg mehr aus der Konkurrenzgesellschaft.

"Ich freue mich sehr, dass anthropologische Analysen ihren Weg in Non-Fiction-Comics finden", sagt Xiang. "Raghavs populäre Comicserie spricht ernste soziale Themen an, und ethnologische Erkenntnisse in diesem Format verfügbar zu machen, wird dazu führen, dass junge Menschen in China mehr darüber diskutieren."

Zur Redakteursansicht