Forschungsgruppe ‘Medical Anthropology and Digital Transformation’
Die Forschungsgruppe „Medical Anthropology and Digital Transformation“ untersucht Visionen und Praktiken von digitaler Pflege, die als Reaktion auf eine zunehmende Krise im Gesundheitswesen – hervorgerufen durch eine alternde Bevölkerung, Personalmangel, steigende Kosten und Ungleichheiten beim Zugang zu Versorgung – propagiert und umgesetzt werden. Auf der Grundlage ethnographischer Feldforschung beobachten und begleiten die Forschenden zentrale Akteure – Start-ups, Pflegekräfte und Pflegebedürftige, Politiker*innen und Gemeindemitglieder – um zu verstehen, wie neue Technologien (z.B. Pflegeroboter, Lieferdrohnen, KI-gestützte Anwendungen und Online-Gesundheitsplattformen) entworfen, erprobt und in den Alltag integriert werden. Ziel ist ein besseres Verständnis davon, wie sich im Zuge der Digitalisierung Vorstellungen von „guter Pflege“ verändern, in welche gesellschaftlichen Visionen die Erfindung neuer Pflegetechnologien eingebunden sind, wer von digitaler Pflege profitiert und wessen/welche Bedürfnisse dabei möglicherweise unberücksichtigt bleiben.
Der regionale Schwerpunkt der Forschung ist die Strukturwandelregion Sachsen-Anhalts. Auf Basis ethnographischer Feldforschung zu konkreten Digitalisierungsprojekten an verschiedenen Standorten, zielt das Projekt darauf ab, ein komplexes Verständnis der unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen zu entwickeln, die in technologiezentrierten Zukunftsvisionen von Pflege eingeschrieben sind oder dabei ausgeschlossen werden. Neben ihrem praktischen Fokus trägt die Forschung auch zu aktuellen wissenschaftlichen Debatten in der Ethnologie, der Soziologie und den Science and Technology Studies (STS) bei – und betrifft Fragen von digitaler Gesundheit, globaler Pflegepolitik, und unterschiedlichen Gesundheitsökonomien.
Eine globale Pflegekrise
Weltweit stehen Gesellschaften vor wachsenden Herausforderungen in der Pflege. In wohlhabenderen Ländern trifft eine alternde Bevölkerung auf eine schrumpfende Pflegebelegschaft, während Regionen mit mittlerem und niedrigem Einkommen mit schwacher Infrastruktur, durch Migration verursachten Betreuungslücken und anhaltenden Ungleichheiten kämpfen. Die globalen Pflegekosten steigen weiter und belasten insbesondere Frauen, die den Großteil unbezahlter Pflegearbeit leisten. In diesem Kontext werden digitale Technologien häufig als Lösungen präsentiert: Telemedizin und Fernüberwachung erweitern die Versorgung in ländlichen Gebieten, während Robotik, KI und mobile Plattformen (z.B. zum Austausch von Gesundheitsinformationen und -erfahrungen) Effizienz und Zugänglichkeit versprechen. Doch diese Technologien bergen auch das Risiko, digitale Ungleichheiten zu verstärken, wenn der Zugang zu Internet, digitalen Kompetenzen oder finanziellen Ressourcen ungleich verteilt ist. Die Forschungsgruppe untersucht diese Dynamiken kritisch und betrachtet, wie Visionen von technischem Fortschritt und einer digitalen Zukunft mit der Pflegepraxis im Alltag vereinbar sind und wie Vorstellungen von Pflege und Gesellschaft an der Schnittstelle von sozialen, ökonomischen und technologischen Faktoren neu ausgehandelt werden.
Sachsen-Anhalt als Modellregion für digitale Transformation
In der Strukturwandelregion Sachsen-Anhalts – einem ehemaligen Braunkohlerevier, welches einen tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel durchlebt – wird die Pflegekrise besonders deutlich. Mit fast einem Drittel der Bevölkerung über 65 Jahren leidet die Region unter gravierendem Fachkräftemangel, Schließungen von Pflegeeinrichtungen und eingeschränktem Zugang zu Pflege, insbesondere in ländlichen Gebieten. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurde das groß angelegte Innovationsprojekt „TPG – Innovationsregion für digitale Transformation der Pflege und Gesundheitsversorgung“ ins Leben gerufen. Unter der Leitung der Universitätsmedizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) bringt die TPG Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammen, um neue digitale Pflegetechnologien gemeinsam zu entwickeln und zu erproben.
Das MADT-Lab – Eine Zusammenarbeit zwischen dem Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und der Medizin
Das Medical Anthropology and Digital Transformation Lab (MADT-Lab) fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen dem MPI, der Universitätsmedizin der MLU und der TPG. Unter der Leitung von PD Dr. Julia Vorhölter kollaborieren hier Forschende aus der Ethnologie und den Gesundheitswissenschaften, um zu verstehen, wie digitale Innovationen Pflegepraktiken verändern und wie Netzwerke zwischen Pflegekräften, Pflegeempfänger*innen, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik aufgebaut und gefördert werden können. Ziel des MADT-Labs ist es kritische medizinanthropologische Perspektiven in der Lehre, der Gesundheitspolitik und in der medizinischen Praxis zu verankern – in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus.