Leben in urbanen Räumen – leben in Unsicherheiten

19. März 2019

Vom 27.–29. März 2019 findet am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung (MPI) ein Workshop mit dem Titel „Urban Precarity“ statt. Die Teilnehmer des Workshops werden sich damit auseinandersetzen, wie das urbane Leben durch Prekaritätserfahrungen geprägt ist. Dabei werden sie die vielfältigen Aspekte von Prekarität beleuchten. Prekarität wird dabei nicht nur als materielle Knappheit verstanden, sondern als ein Phänomen betrachtet, das auch moralische, rechtliche, politische, diskursive, räumliche und wirtschaftliche Dimensionen hat. Der Workshop wird von Christian Laheij und Brian Campbell aus der Abteilung ‚Integration und Konflikt‘ organisiert. Die Sprache des Workshops ist Englisch.

Workshop „Urban Precarity“ am MPI vom 27.–29. März 2019

Unstete Lebenswege
Städte werden schon seit langer Zeit mit unterschiedlichen Formen von Prekarität in Verbindung gebracht. Denn das urbane Leben – in dem relative Anonymität, physische Nähe zu Fremden, Abhängigkeit von der Geldwirtschaft und eine sich ständig verändernde bauliche Umgebung mit transnationalen Strömen von Menschen, Ideen und Kapital zusammenkommen – kann große Unsicherheiten und Risiken mit sich bringen. „Der Zusammenhang zwischen Urbanität und einem risikoreichen Leben scheint sich im Zeitalter des globalen Kapitalismus noch verstärkt zu haben“, sagt Dr. Christian Laheij, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPI. „Denn der Zugang zu sicheren Arbeitsplätzen und Wohlfahrt wird immer schwieriger. Und das kann dazu führen, dass sich die einmal eingeschlagenen Lebenswege in unvorhersehbarer Weise ändern.“ Ein Resultat dieser Entwicklung ist, dass arme und unterprivilegierte Menschen in die heruntergekommenen und vernachlässigten Viertel gedrängt werden und dort zu einem Leben gezwungen werden, das ihren sozialen Abstieg nur noch weiter beschleunigt. Und die globale Berichterstattung über Grenfell, Barcelona oder Kabul bietet immer wieder dramatische Ereignisse, die den Menschen suggerieren, dass ihre geliebte Heimat jederzeit zur Todesfalle werden und dass in der Anonymität der Megacities der eigene Nachbar auch jederzeit zum schlimmsten Feind werden kann.

Erforschung von Stereotypen des urbanen Lebens
Während Stereotypen über die Gefahren des urbanen Lebens den sozialen und kulturellen Diskurs über Städte seit jeher dominieren, haben sie sich nach der Industrialisierung im 19. Jahrhundert noch weiter verbreitet. „Ein Ziel des Workshops ist es deshalb, diese Stereotypen durch einen systematischen Vergleich empirischer Daten über das Leben in Städten zu vergleichen. Die Daten wurden weltweit erhoben und geben Aufschluss über die Erfahrung von Menschen, die Städte bauen, darin leben und arbeiten“, sagt Dr. Brian Campbell, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPI. „Unser zweites Ziel ist es, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie diese Diskurse über urbane Prekarität instrumentalisiert werden, um den öffentlichen und privaten Raum zu verwalten.“ Aber der Workshop will sich nicht nur auf die Schattenseiten des Lebens in der Stadt konzentrieren. Die Teilnehmer des Workshops verstehen Prekarität als ständigen Wandel und Bewegung, die alle Gewissheiten permanent in Frage stellt. „Wir interessieren uns dabei aber auch für Formen des Widerstands und der Anpassung“, erklärt Christian Laheij. „Denn prekäre Lebenslagen führen nicht unbedingt immer zu Verzweiflung und sozialem Abstieg, sondern auch manchmal zu Wohlstand, Hoffnung, neuen bedeutsamen Beziehungen und vielleicht zu einem besseren Leben.“

Erforschung des globalen sozialen Wandels
Das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung ist eines der weltweit führenden Forschungszentren auf dem Gebiet der Ethnologie (Sozialanthropologie). Es hat seine Arbeit 1999 mit den Gründungsdirektoren Prof. Dr. Chris Hann und Prof. Dr. Günther Schlee aufgenommen und 2001 seinen ständigen Sitz im Advokatenweg 36 bezogen. Mit Ernennung der Direktorin Prof. Dr. Marie-Claire Foblets im Jahre 2012 wurde das Institut um eine Abteilung zum Themenfeld ‚Recht & Ethnologie‘ erweitert. Forschungsleitend ist die vergleichende Untersuchung gegenwärtiger sozialer Wandlungsprozesse. Besonders auf diesem Gebiet leisten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Institutes einen wichtigen Beitrag zur ethnologischen Theoriebildung. Sie befassen sich darüber hinaus in ihren Projekten oft auch mit Fragestellungen und Themen, die im Mittelpunkt aktueller politischer Debatten stehen. Am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung arbeiten gegenwärtig 175 Wissenschaftler aus über 30 Nationen. Darüber hinaus bietet das Institut zahlreichen Gastwissenschaftlern Raum und Gelegenheit zum wissenschaftlichen Austausch.


Workshopprogramm

Kontakt für diese Pressemitteilung
Dr. Christian Laheij
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Abteilung ‘Integration und Konflikt’
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
Tel.: 0345 2927-120
Email: laheij@eth.mpg.de
https://www.eth.mpg.de/laheij

Dr. Brian Campbell
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Abteilung ‘Integration und Konflikt’
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
Tel.: 0345 2927-181
Email: campbell@eth.mpg.de
https://www.eth.mpg.de/campbell

Kontakt für die Presse
Stefan Schwendtner
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Advokatenweg 36, 06114 Halle (Saale)
Tel.: 0345 2927-425
Email: schwendtner@eth.mpg.de
https://www.eth.mpg.de

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