Das Alumni-Interview: 10 Fragen an Olaf Zenker

9. April 2021

In loser Reihenfolge veröffentlichen wir an dieser Stelle Interviews mit Alumni des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung. Wir wollen wissen, wo sie leben und arbeiten, woran sie forschen und welche Rolle die Zeit am MPI für sie heute noch spielt. Und sie erzählen uns, welchen Rat sie ihren Studierenden mit auf den Weg geben und welches Buch sie in letzter Zeit beeindruckt hat.

Olaf Zenker ist Professor für Ethnologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war von 2003 bis 2009 als Doktorand und Postdoc am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung tätig.

1. Von wann bis wann waren Sie am MPI und was haben Sie hier gemacht?
Ich war von 2003 bis 2008 Doktorand in der Abteilung „Integration und Konflikt“ und arbeitete anschließend von 2008 bis 2009 als Postdoc in der Max Planck Fellow Group „Law, Organisation, Science and Technology (LOST)“.

2. Wo sind Sie jetzt und was machen Sie dort?
Nachdem ich zwischenzeitig an verschiedenen Universitäten in der Schweiz und in Deutschland tätig war, bin ich 2019 als Professor für Ethnologie nach Halle an die Martin-Luther-Universität zurückgekehrt.

3. Wie sehr hat Ihre Tätigkeit am MPI Ihre jetzige berufliche Situation geprägt?
Meine beruflichen Erfahrungen am MPI waren sehr prägend. Ich hatte die einmalige Gelegenheit, im Rahmen meiner Promotion und anschließend als Postdoc meinen Forschungsinteressen nachzugehen und konnte enorm von der Betreuung und dem Austausch mit Kolleg*innen und Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt profitieren. Dies hat meinen Weg zu einer Professur für Ethnologie maßgeblich beeinflusst.

4. Was fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an die Zeit am MPI zurückdenken?
Bereits während meiner Zeit am MPI, und noch stärker im Rückblick aus einer universitären Perspektive, war und bin ich mir der privilegierten Rahmenbedingungen bewusst, innerhalb derer ich mich ganz auf meine Forschungsarbeit konzentrieren konnte. Die Kombination aus intellektuell inspirierendem Umfeld mit vermutlich einer der höchsten Ethnolog*innendichte der Welt, einer optimalen finanziellen Förderung, einer hervorragenden administrativen Unterstützung und einer exzellenten Bibliothek ist wirklich einzigartig. Nicht zuletzt denke ich auch sehr gerne an das soziale Miteinander zurück und unsere Parties im Seminarraum, der leergeräumten Küche oder im Institutsgarten. Das war wirklich eine tolle Zeit.

5. Haben Sie noch Kontakt zum MPI und wenn ja, welchen und zu wem?
Mein Kontakt zu und meine Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kolleg*innen am MPI ist nie abgerissen. Über viele Jahre war ich in der Abteilung „Integration und Konflikt“ und bei LOST assoziiertes Mitglied; bis heute bin ich Forschungspartner der Abteilung „Recht & Ethnologie“ und seit 2014 auch Mitglied in deren „Consultative Committee“. Unter anderem gebe ich gerade gemeinsam mit Marie-Claire Foblets, Maria Sapignoli und Mark Goodale unter der tatkräftigen Unterstützung von Brian Donahoe das Oxford Handbook of Law and Anthropology heraus – ein Großprojekt, an dem wir in den letzten Jahren intensiv zusammengearbeitet haben.

6. Woran forschen Sie im Augenblick?
Im Moment konzentriert sich meine Forschung vor allem auf zwei Bereiche. Zum einen leite ich gemeinsam mit Larissa Vetters (MPI) im Sonderforschungsbereich „Affective Societies“ das Teilprojekt „Sentiments of Bureaucracies: Affektive Folgen der digitalen Transformation in der deutschen Migrationsverwaltung“, welches untersucht, wie sich die Einführung neuer digitaler Lösungen auf migrationsrechtliche Entscheidungen auswirkt. Zum anderen forsche ich seit vielen Jahren zur Landreform in Südafrika, die das historische Unrecht kolonialer Enteignungen adressieren soll. Da die Landreform vielfach als zu langsam und zu teuer kritisiert wird, treibt die Regierung in letzter Zeit eine Verfassungsänderung mit der Möglichkeit zur entschädigungslosen Enteignung weißer Landeigentümer als Allheilmittel gescheiterter Wiedergutmachungspolitiken voran. Dieser Prozess steht derzeitig im Hinblick auf Fragen von (Um)Verteilungsgerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und staatlicher Effizienz im Zentrum meiner auch politischen Arbeit.

7. Was planen Sie in Zukunft?
In Zukunft möchte ich gern intensiver mit meinen Mitarbeiter*innen auch zu zwei neuen Forschungsthemen arbeiten, die sich einerseits mit der normativen Ordnung und Verrechtlichung der Weltmeere und andererseits anhand von Nostalgien für gescheiterte Utopien mit der Temporalität des Politischen befassen.

8. Was kann die Ethnologie besser als andere Sozialwissenschaften?
Die Ethnologie verspricht durch die dichte Beschreibung detaillierter Fallstudien vergleichend angelegte Antworten auf die große kantische Frage „Was ist der Mensch?“ Sie ist damit empirisch fundierte Sozial- und Kulturphilosophie. Sie baut mittels langandauernder Feldforschung eine anspruchsvolle Brücke zwischen den enorm vielfältigen „small issues“ ganz konkreter Akteur*innen und den dahinterstehenden „large issues“ (wie Thomas Hylland Eriksen es formuliert). Neben einer reflexiven Methodologie, die die Bedingungen der Möglichkeit soziokulturellen Wissens adressiert, hat die Ethnologie das Potenzial, die Welt nicht nur besser zu verstehen und zu erklären, sondern sie auch im Sinne einer engagierten „public anthropology“ aktiv zu gestalten und zu verändern. Damit ist sie aus meiner Sicht theoretisch und methodisch die am besten aufgestellte Sozialwissenschaft für die gleichermaßen drängendsten wie letzten Fragen unserer Existenz – ich kann mir kein spannenderes Arbeitsfeld vorstellen!

9. Was würden Sie heutigen Studierenden der Ethnologie raten?
Viele Studierende kommen zum Fach, weil sie die Welt verbessern wollen; nach Jahren des Studiums sind sie oft in der Lage, eloquent die zahlreichen Probleme dieses Ansinnens darzustellen. Leider bleibt dabei allzu oft auf der Strecke, dass es weiterhin darum gehen sollte, die Welt nicht nur verschieden zu interpretieren, sondern sie auch zu verändern (wie Karl Marx es treffend formulierte). Entsprechend ermutige ich meine Studierende, sich den Willen zur Verbesserung zu bewahren – allerdings auf der Grundlage besseren, empirisch und theoretisch fundierten und methodisch reflektierten ethnologischen Wissens.

10. Welcher Text – Buch oder Artikel – hat Sie in letzter Zeit beeindruckt?
Da gibt es natürlich viele. Erwähnenswert ist aktuell vielleicht besonders der Artikel „Collaborating with the radical right: scholar-informant solidarity and the case for an immoral anthropology“ von Benjamin Teitelbaum, der 2019 in Current Anthropology 60(3) erschienen ist. In diesem äußerst umstrittenen Text diskutiert Teitelbaum vor dem Hintergrund seiner Forschungen mit Rechtsextremen das Dilemma, entweder den Interessen unserer Forschungspartner*innen den Vorrang zu geben, auch wenn wir diese nicht teilen, oder aber eine moralische Ethnologie zu vertreten. Er plädiert für eine weitgehend bedingungslose “scholar-informant solidarity” als angebliche Forschungsnotwendigkeit, selbst wenn dies zu moralisch fragwürdigen Handlungen von Ethnolog*innen führt. Auch wenn ich in den entscheidenden Punkten eine andere Position vertrete als Teitelbaum, so adressiert der Text dennoch zentrale Fragen, mit denen sich die Ethnologie in unserer zunehmend postliberalen Zeit verstärkt auseinandersetzen muss.

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