„Chinas Smartness Mandat“
Als Teil des Forschungsprojekts „Constructing Urban Futures in Asia“ untersucht dieses Projekt, wie digitale und sogenannte „smarte“ Technologien die Stadtplanung, Stadtentwicklung, Governance und das Alltagsleben im gegenwärtigen China verändern. Im Mittelpunkt steht die ostchinesische Metropole Hangzhou, die zu den Vorreitern der chinesischen Smart City Strategie gehört. Die Studie geht der Frage nach, wie die Digitalisierung nicht nur urbane Infrastrukturen verändert, sondern auch professionelle Praktiken sowie Vorstellungen davon, was eine „gute Stadt“ ausmacht.
China hat sich zu einem weltweiten Vorreiter der Smart City Entwicklung entwickelt. Sensoren, Kameras, Plattformen, Big Data und KI gestützte Analysen werden eingesetzt, um urbane Räume und Bevölkerungen zu verwalten. Diese Technologien werden als neutrale und effiziente Lösungen für die Herausforderungen der rasanten Urbanisierung präsentiert und versprechen sauberere, sicherere, nachhaltigere und lebenswertere Städte. Dieses optimistische Narrativ prägt politische Programme ebenso wie Unternehmensstrategien und öffentliche Debatten. Städte erscheinen dabei zugleich als Nutznießer und als Versuchslabore technologischer Innovation. Gleichzeitig hat die kritische Stadtforschung darauf hingewiesen, dass die Smart City häufig als entpolitisierender Begriff fungiert. Sie verschleiert gesellschaftliche Probleme, fördert einen technologischen Lösungsoptimismus und verdeckt die politischen und ökonomischen Entscheidungen, die den technologischen Entwicklungen zugrunde liegen. In pessimistischen Lesarten wird Smart Urbanism sogar als Euphemismus für eine Intensivierung von Überwachung und Kontrolle verstanden.
Anstatt zu bewerten, ob Smart Cities nach ihren eigenen Maßstäben erfolgreich sind oder scheitern, verfolgt dieses Projekt einen ethnographischen Ansatz, der sich für „Technologie in der Praxis“ interessiert. Untersucht wird, wie smarte Technologien im beruflichen Alltag vorgestellt, ausgehandelt und umgesetzt werden. Grundlage sind zwölf Monate ethnographischer Feldforschung unter Stadtplanerinnen und Stadtplanern, Architektinnen und Architekten, Technologieentwicklern sowie Community Organisatoren in Hangzhou. Die Forschung begleitet konkrete Stadtentwicklungsprojekte wie öffentliche Parks, Einkaufszentren und experimentelle „Future Communities“. Durch die teilnehmende Beobachtung von Besprechungen, Planungsprozessen, Pilotprojekten und ihrer praktischen Umsetzung wird untersucht, wie digitale Werkzeuge Eingang in professionelle Arbeitsweisen finden und wie „Smartness“ von einem abstrakten politischen Leitbild in konkrete materielle Formen übersetzt wird.
Konzeptionell versteht das Projekt die Smart City nicht als ein kohärentes technologisches Modell, sondern als ein wirkungsmächtiges, zugleich aber offenes Mandat, das Digitalisierung als unvermeidbar, wünschenswert und politisch notwendig erscheinen lässt. Auf der politischen Ebene bildet Smart Urbanism einen zentralen Bestandteil der chinesischen techno entwicklungsorientierten Strategie, indem Stadtentwicklung eng mit Plattformen, Dateninfrastrukturen und Künstlicher Intelligenz verknüpft wird. Vorzeigeprojekte wie Hangzhous „City Brain“ stehen exemplarisch für diesen Plattform Urbanismus, der Effizienz und Sicherheit verspricht und zugleich neue Möglichkeiten der Überwachung und Steuerung eröffnet. Meine ethnographischen Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Umsetzung häufig ungleichmäßig und fragmentiert verläuft und oftmals eher symbolische Vorzeigeprojekte und Pilotversuche hervorbringt als vollständig integrierte Systeme.
Die verschiedenen professionellen Akteursgruppen begegnen diesem Smartness Mandat auf unterschiedliche Weise. Technologieunternehmen verstehen Smart Urbanism als unternehmerische Chance und vermarkten Plattformen, Sensoren oder Drohnen als innovative Produkte, die die Grenzen zwischen Governance und Inszenierung verschwimmen lassen. Konventionelle Stadtplaner hingegen erleben die Smartifizierung häufig als äußeren Anpassungsdruck, der Förderkriterien, Evaluationsmaßstäbe und die professionelle Rhetorik verändert, während die eigentlichen Planungspraktiken weitgehend bestehen bleiben. Auf der Ebene der Nachbarschaften wird der Smart City Diskurs häufig in niedrigschwellige soziale Praktiken übersetzt. Die Pilotprojekte der „Future Communities“ zeigen, wie digitale Rhetorik Investitionen legitimiert, während die tatsächlichen Ergebnisse des Alltags vielfach erstaunlich wenig Hightech enthalten.
Über alle diese Kontexte hinweg erscheint die Smart City weniger als ein technologischer Bruch denn als eine Neuordnung langfristiger Formen hochmoderner Stadtplanung und Stadtregierung. Insgesamt zeigt das Projekt, dass Smartifizierung in China als ein flexibles, aber wirkungsvolles Deutungsmuster fungiert. Sie legitimiert staatliche und technische Interventionen, verändert professionelle Zukunftsvorstellungen und verdeckt zugleich die politischen Entscheidungen, die diesen Entwicklungen zugrunde liegen.