Forschungsthemen

Forschungsthemen werden danach ausgewählt, inwiefern sie das Potenzial besitzen, Debatten um die – für die Ethnologie so grundlegenden – Begriffspaare „Natur-Kultur“ und „Gesellschaft-Technologie“ voranzubringen. Anregungen für die Arbeit kommen nicht zuletzt aus der feministischen Phänomenologie, den Science and Technology Studies und dem Neuen Materialismus. Wissenschaftler*innen dieser Fächer haben eindrucksvoll die paradoxen Verflechtungen menschlichen Lebens auf den Punkt gebracht, wonach Menschen einerseits als wirkmächtige Akteure auftreten, die Veränderungen durchsetzen, und doch zugleich auch als Betroffene übermächtigen Prozessen ausgesetzt sind, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Zum Beispiel leiden Menschen – wie andere Lebewesen – unter den Folgen des Klimawandels, auch wenn er sie unterschiedlich stark betrifft. Zugleich sind sie dessen Verursacher als Urheber kapitalistischer Arbeitsweisen, die massive Umweltveränderungen befördert haben und in Zusammenhang mit einem neuen geologischen Zeitalter – dem sogenannten Anthropozän – gebracht werden. Ein anderes Beispiel für das Wechselspiel von Selbst- und Fremdbestimmtheit bieten Bio-Technologien und am Körper ansetzende Messgeräte. Biometrische Scanner, Fitness-Tracker und Gentests sind menschliche Erfindungen, die Ideen von Gesundheit verändern, neue Sozialitäten schaffen und ganz fundamental die Vorstellungen davon beeinflussen, was Leben ausmacht. Ein drittes Beispiel bieten Infrastrukturprojekte wie Staudämme oder Hochwasserschutzmauern, die Technikgeschichte neu schreiben und aus dem Versuch geboren sind, Prozesse zu kontrollieren, die unkontrollierbar und unberechenbar bleiben. Die hier beispielhaft angesprochenen Innovationen befördern nicht nur Wandel, sondern sind zutiefst politisch und müssen – wollen wir sie verstehen – in ihrer politischen Dimension untersucht werden. 

Unsere Forschung zu diesen Fragen konzentriert sich aktuell auf drei Themenbereiche: Technik-Optimismus, Wohlergehen und ökologische Transformationen.

Technik-Optimismus

22. Juni 2020
Um den Anschluss an eine imaginierte Modernität nicht zu verlieren und ihre Länder in die Zukunft zu katapultieren, fördern Politiker weltweit innovative Technologien. Selten erfüllen sie die an sie gestellten hohen Erwartungen, und in jedem Fall zeitigen sie vielfältige Folgen. Neue Technologien erfordern eine Anpassung sozialer Systeme, und sie verändern stabil geglaubte Strukturen, z.B. das komplexe Geflecht von Staat, Markt und Bürger. Aus ethnologischer Perspektive erscheint mehr

Wohlergehen

22. Juni 2020
Die medizingeschichtliche Forschung hat eindrücklich vorgeführt, wie eng das Bemühen um die Verbesserung der Gesundheitsversorgung mit der Ausbildung von Mechanismen zur Kontrolle der Bevölkerung verknüpft ist. Stand früher die Vorbeugung und Bekämpfung von Krankheiten im Zentrum der medizinpolitischen Aufmerksamkeit, so rücken heute sehr viel umfassendere Fragen nach dem Wohlergehen mehr
Fragen der Balance zwischen Fürsorge oder Vorsorge und Kontrolle stehen im Zentrum aktueller Ökopolitik. Kritische Reflektionen über die Folgen einer Ideologie der Naturbeherrschung haben zu der Feststellung geführt, dass menschliche Eingriffe in das Ökosystem und die interessengeleitete Ausbeutung von Ressourcen das Leben auf dem Planeten in eine massive Schieflage mehr
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